Streng geheim! – RADAU!

– Eine CD-Besprechung von Matthias Meyer-Göllner –

Die Hamburger Kinderrocker von "RADAU!"

Die Hamburger Kinderrocker von „RADAU!“

Sie klingt rockig und straight, wie man es von den vier Hamburgern Arne, Olli, Chrissi und Achim gewohnt ist. Wie immer schlau getextet, wobei es inhaltlich diesmal stärker in Richtung Auseinandersetzung zwischen Kindern und Erwachsenen geht. Titel wie Nicht ins Bett“, „Dagegen“ und „Aber Mama“ scheinen direkt dem täglichen innerfamiliären Alltagskonflikt abgehört. Aber auch bei „Ich liebe die Gefahr“ oder „Keine Lust zu warten“ werden sich Kinder wie Eltern wiedererkennen. Fügt man dem Ganzen noch die wunderbaren Radau!-Satzgesänge hinzu, hat man, was man von einer RADAU!-CD erwartet: Allerbestes Family Entertainment. Einfach gute Musik für Kinder ab fünf und ihre Familien.

Damit könnte schon fast alles gesagt sein, wäre da nicht dieser rätselhafte Titel der CD: „Streng geheim!“ Was mag das zu bedeuten haben? Bisherige CDs der Hamburger Kinderrocker trugen Titel wie „Am liebsten laut!“, „Voll aufgedreht“ oder „Es geht los!“ Da bedurfte es keiner langen Erklärungen: Hier sind wir, wir geh’n ab, seid dabei! Aber streng geheim? Vielleicht steckt dahinter ein Code, eine Verschlüsselung, der wir auf die Spur kommen sollen. Aber was ist die Chiffre?

Radau verneigen sich vor Oasis

Auf der Suche nach dem Code nehme ich als erstes eine uralte RADAU!-CD aus dem Regal. Sie heißt „Radau!Radau!“ und der Text im Booklet lässt mich aufmerksam werden: „RADAU! ist Popmusik für Kinder. Im Sommer 1997 in einem Hof in Altona gaben drei Musiker aus dem Block ihr erstes Konzert für Kinder.“ 20 Jahre ist das also her – ein deutlicher Hinweis! Die CD ist leider noch selbst gebrannt gewesen, deshalb lässt sie sich nach 20 Jahren auf keinem einzigen Abspielgerät mehr dazu bringen, auch nur einen einzigen Ton von sich zu geben. Schade, denn „Tante Süssi“ hätte ich gerne nochmal gehört oder den „LiLa Launebär“.

Gehen wir also dem Hinweis nach und 20 Jahre zurück in der Musikgeschichte. Was geschah 1997? Oasis veröffentlichten ihr drittes Album, das manche als den Anfang vom Ende der Brit-Pop-Ära bezeichnet haben. Darauf ein Titel „All around the world“. Und wie heißt mein Lieblingstitel auf „Streng geheim“? „40.000 km einmal um die ganze Welt“. RADAU! verneigen sich vor Oasis, wenn das kein Entschlüsselungs-Volltreffer ist …

Eine Reminiszenz an die Punkoldies und deren Kinder

Ein Jahr später war ich zum ersten Mal auf diesem legendären Hof in Altona, damals spielten RADAU! schon erste eigene Titel, coverten aber auch noch. Songs von Fredrik Vahle zum Beispiel (Rolf Zuckowski noch nicht, das kam erst 18 Jahre später auf der Radau-Weihnachts-CD). Aber eine wirkliche Coverversion fehlt auf „Streng geheim!“ So komme ich nicht weiter.

Auf der Suche nach dem Code: Die neue Radau-CD ist "streng geheim!"

Auf der Suche nach dem Code: Die neue Radau-CD ist „streng geheim!“

Ich probiere es also von meinem Hofkonzertbesuch nochmal mit dem 20-Jahre-Sprung und lande im Jahr 1978. Damals habe ich mir eine Platte von den Ramones gekauft: „Road to Ruin“. Die war so voll ironischer Punk-Haltung wie in „I’m against it“. Moment mal … „Wir suchen keinen Streit, wir sind einfach nur dagegen“. Natürlich! Das nächste Rätsel ist entschlüsselt. Der Song „Dagegen“ als Reminiszenz an die Punkoldies und deren Kinder. So läuft das.

Ein augenzwinkernder Gruß an Kollege Volker Rosin?

Der nächste Song heißt „Geradeaus“: „Geradeaus, zerkratz meinen Lack, zack – mit dem Kopf durch die Wand, dass es knackt“ – ach nee, das war Peter Fox, „Lok auf 2 Beinen“, bei dem ich immer an „Road to Nowhere“ von den Talking Heads denken muss. Little creatures, womit wir wieder bei Kindern wären. „Geradeaus – und immer mit dem Kopf durch jede Wand!“ singen die Fab 4 of Kindermusik. So fängt doch auch dieser Film an: „Männer die auf Ziegen starren!“ Aber ich verrenne mich gerade …

Ich versuche es mit einem anderen Code. Seltsam heraus sticht der erste Titel „It’s Partytime“, ungewöhnlich für die Band. Vielleicht ein augenzwinkernder Gruß an den Kollegen Volker Rosin, der 2002 ein Album unter diesem Titel („Heut‘ ist Partytime“) mit Kinderlied-Versionen von Rock- und Popklassikern veröffentlicht hat. Und das bringt mich wieder auf eine Geheimspur: Der gleichnamige Titel („Heut‘ ist Partytime“) auf der CD ist eine Coverversion von „Go West“, das die Village People (vor 40 Jahren) und später die Pet Shop Boys (vor 24 Jahren) zum Hit machten. Starke Anleihen bei Johann Pachelbels Kanon in D-dur sind nicht zu überhören. Und auch die sowjetische Nationalhymne hat sich hier bedient. Ich bin verwirrt – wer ist hier gemeint? Der Sozialismus? Barocke Pracht? Oder doch Volker Rosin?

Auf der Suche nach Hilfen bei der Decodierung

Ich mache noch einen anderen Versuch: Dafür muss ich die CD aus dem Player nehmen und über das Booklet halten, der Liedtext von „Streng geheim“ steht da nämlich in Spiegelschrift. „Streng geheim und niemand weiß, sind wir fiese Diebe oder liebe Detektive?“ entziffere ich, und dann „… sind wir fiese Detektive oder sogar liebe Diebe?“ Da brauche ich gar nicht weit zurück zu gehen, um Hilfe bei der Decodierung zu finden. Auf dem 2016er-Album von Dota finde ich den Titel „Die Diebe“- „du wärst so gerne einer von den Dieben“ heißt es da und liefert sofort die Begründung für den nächsten Titel auf „Streng geheim!“: „Ich liebe die Gefahr!“

„Du willst Sicherheit und Sicherheit ist dein Ballast“, singt Dota und da bieten RADAU! dann eine Lösung, quasi den Gegenentwurf: „Ich liebe die Gefahr, wenn es so richtig schön gefährlich ist, find ich es wunderbar.“ Ich gebe ja zu, dass ich kryptographisch wackeliges Terrain betrete. Vielleicht sollte ich es mit Mathematik versuchen? Schließlich werden doch die modernen Geheimagenten-Codes alle auf der Basis von Primzahlen erstellt.

Das neue Album bleibt rätselhaft – streng geheim eben

„Was ist Raum? Was ist Zeit?“ Diese physikalisch-philosophischen Fragen werden im Song „Hör nicht auf zu fragen“ gestellt – neben „40.000 km“ übrigens mein zweiter Lieblingssong auf der CD.  Denn „es kann nicht schaden, Ahnung zu haben“ – das ist doch das, was ich die ganze Zeit sagen will. Um nochmal auf die Primzahlen zu kommen – 2 – 3 – 5 – 7 – 11 – 13 – dahinter verbergen sich Titel, die ein Hauptmotiv dieser CD aufzeigen. Das, was uns erst noch „streng geheim“ (2) erscheint, und was wir suchen, denn wir behaupten ja: „Ich liebe die Gefahr“ (3). Unser Weg geht immer „geradeaus“ (5), und wir haben unterwegs „keine Lust, zu warten“ (7). Schließlich liegen „40.000 km“ (11) vor uns, die uns in die „weite Welt“ (13) führen. Na klar, darum geht’s!

„Dir gehört die große weite Welt, die Sonne lässt dich nicht im Stich und scheint genau für dich!“ Und bevor ich jetzt religiöse Gefühle bekomme, verlasse ich diese Rezension. Ich hätte wohl doch beim ersten Absatz bleiben sollen. Denn was jetzt tatsächlich die Radaus mit ihrer neuen CD im (Geheim-)Schilde führen, muss wohl jeder selbst herausfinden (keine unangenehme Aufgabe, denn die Musik ist wirklich gut), für mich bleibt das ganze rätselhaft, eben: Streng geheim!

Hinweis: Bis zum offiziellen Veröffentlichungstermin von „Streng geheim“ am 6. Oktober 2017 kann die CD ausschließlich auf RADAU!-Konzerten erworben werden.

LINK:

www.radau-online.de

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