RAKETEN ERNA – Bouletten Beats

– Eine CD-Besprechung von Suli Puschban –

Marceese Trabus - Ein echter Mutmacher in bester Grips-Tradition.

Marceese Trabus – Ein echter Mutmacher in bester Grips-Tradition.

»Mit offenen Armen durch die freie Welt
wo ein Lächeln hilft und die Liebe zählt«
Los erzähl mir mehr!

»Die Raketen Erna ihr Lied« eröffnet das Album »Bouletten Beats« des Berliners Marceese Trabus. Damit ist auch schon klar, wo sich der umtriebige Musikus positioniert: nämlich in Kreuzberg. Die deutliche Sprache, die »Erna« spricht, geht einem direkt ans Herz: »Raketen Erna fliegt durch die Stadt, sie fliegt um die Welt, sie hat für jeden Platz!« Sie hat ihre Startrampe in Berlin, fliegt aber um den ganzen Globus. Sie ist lieber Pippi als Annika, geht geradeaus und scheut vor keiner Hürde zurück.

»Du kannst sein, was du willst, wenn du liebst, was du tust!«

Ein echter Mutmacher in bester Grips-Tradition. Man hört deutlich, dass Marceese an der Linie Eins groß geworden ist und mit Schmusesongs ohne Inhalt nichts am Hut hat. »Mach dich auf den Weg, wer wenn nicht du?« Es scheint, der Barde schreibt und singt mit der Ehrlichkeit eines Volker Ludwig, der Lyrik eines Sven Regener und der Attitude der frühen Nina Hagen.

CD-Cover: Raketen Erna - "Bouletten Beats"

CD-Cover: Raketen Erna – „Bouletten Beats“

Mit seinem grandiosen Gitarrenspiel gibt der bärtige Sänger dem Album einen Grundton der tausend Möglichkeiten. Er rollt mit seinen Liedern den roten Teppich fürs Nachdenken und Drüberreden aus: »Du kannst sein, was du willst, wenn du liebst, was du tust!« Man merkt, dass der Liedermacher das, was er singt, auch so meint. Sein rockiger Gesang, unterstützt von Kindern, erzählt von seiner kleinen Welt, die aber gaaaanz groß ist. Die Lieder sind irgendwo zwischen Poesie und rotzigem Trotz angesiedelt, wollen – und können – mehr als Kinderlieder sein. Wobei das eigentlich gar nicht nötig ist!

Warum bringt Berlin immer wieder Lieder hervor, die die Welt verändern?

In »Kreuzberg, meine Liebe« wird die Liebe zum Kiez zelebriert, was die Gegend hier ausmacht, wird schnell deutlich: Vom Späti bis zum Kotti ist alles da. Die Menschen, die hier leben, sind der Kiez, nicht mehr und nicht weniger. Ein Lied, das allen, die in Kreuzberg leben, die Tränen in die Augen treiben wird – und den Zugezogenen erklärt, warum diese Stadt immer wieder Lieder hervorbringt, die die Welt verändern. Aus der Berliner Geschichte klingt »Damals hinterm Mond« ebenso mit wie das geheulte »Berlin, du kannst so schön schrecklich sein«. Dieser Song legt die Lupe auf das vielleicht 8-jährige Kind, das sein ganzes Taschengeld beim Späti lässt und auf Spielplätze hofft, die eine Lücke in die Straßen dieser wilden Stadt reißen.

Weit ist das Spektrum, das der Liedermacher in Rock, Folk, Blues und Rap bereist. Vom Tintenkiller, der repariert, wenn du dich verschrieben hast, weil du schon den ganzen Tag lang Geschichten auf weiße Blätter geschrieben hast, über den Läuse-Blues, in dem die Biester »das Tanzbein schwingen, hopp hopp von Kopf zu Kopf« bis zum Geburtstagslied, das eine ausartende Party bereit hält, auf der alle kreischen und feiern.

»Schreibt die Parole an jede Wand, singt die Lieder Hand in Hand!«

Mit dieser variantenreichen Platte kann man auch mit der Family im VW-Bus singend die amerikanische Weite durchqueren. Das Zeug zu Lieblingsliedern hat die »Erdbeerprinzessin«, die mit leicht angepunkten Versen das bunte ist-mir-schnuppe-Ding zelebriert, die »Veggie-Monks«, die über ein brandaktuelles Thema rappen, und dabei kein Blatt vor den Mund nehmen, und nicht zuletzt »Reiche Eltern für alle«. Letzterer hat die Verdrängung im Kiez zum Thema und betont nochmal, dass Berlin bunt ist und bunt bleiben soll: »Schreibt die Parole an jede Wand, singt die Lieder Hand in Hand!« Ein heißes Eisen, das nicht nur die Hauptstadt umtreibt, sondern vielerorts so manchem das Leben schwer macht.

Der Liedererfinder Marceese zeigt sich aber auch sensibel und sucht die Schönheit im Kleinen, vermeintlich Hässlichen: In dem ganz besonderen Stück »Gib mir den Tee«, das mich lächelnd zuhören ließ, findet er es im Kranksein. Das erkältete Kind gibt sich dem Sich-Mies-Fühlen hin, will zurück ins Bett, alles andere kannst du sein lassen, sich zu wehren, hat keinen Sinn. Pillen bringen nichts, da hilft nur Tee, bring mir den Tee, bring mir den Tee. Ich liebe den zurückgelehnten Klang dieses Songs, dem man die kränkelnden Schweißtropfen von der fiebrigen Stirn tupfen möchte.

„Raketen Erna – Bouletten Beats“ ist liebevoll und variantenreich, aber nie belehrend

Und dann kommt das vorletzte Lied auf der CD und macht die Liebe von Marceese zu Mensch und Welt noch einmal klar: »Los erzähl mir mehr, lass uns kennenlernen und verstehen. Ich kenn nur meine Welt, die ist noch sehr klein, aber wenn wir alles teilen, kann es unsere sein.« Ein wunderbares Lied über die Menschen hinter der Flüchtlingspolitik und wie das »Wir schaffen das!« eigentlich umzusetzen ist. Gut vorstellbar, damit in der Klasse das Gespräch über Chancengleichheit und Pluralität zu eröffnen, dann kann die aufgeweckte Lehrerin »Reiche Eltern für alle« gleich noch hinterher schieben. Miteinander reden, das ist der Schlüssel zum Verständnis.

Wer seine Kinder zu aufrechten, denkenden Menschen erzieht und auf der Suche nach toller Musik dafür ist, der ist auf der „Raketen Erna ihr Raumschiff“-CD richtig gut aufgehoben. So wie es den Läusen auf deinem Kopf egal ist, ob du reich oder arm bist, und sie fröhlich von Kopf zu Kopf tanzen, hüpfen diese Songs einem ins Herz und ins Hirn. Niemals belehrend oder pädagogisch kommt »Baby Kreuzberg«, wie der Musiker sich in anderen Projekten nennt, in seinem Kiez groß raus – und dann auch schon aus der Stadt und einmal um die Welt. Liebevoll und variantenreich spielt er uns das Lied von der Vielfalt und liebt eindeutig, was er tut.

LINK:

www.raketenerna.de

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