Guten Tag! Guten Tag auch! – Erwin Grosche und die Flamingos

– Eine CD-Besprechung von Matthias Meyer-Göllner –

Erwin Grosche

Erwin Grosche

Heute ist Donnerstag. Ein wunderbarer Donnerstag, denn ich habe Geburtstag. Geburtstage finde ich toll, besonders meine eigenen. Und diesmal höre ich ein wunderbar zartes und leichtes Geburtstagslied, nicht unbedingt zum krakeelenden Mitjubilieren, es berührt mich sanft, aber trotzdem erfüllt es mir alle Wünsche.

Es ist das Geburtstagslied auf der aktuellen CD vom Meister der Alltagspoesie Erwin Grosche. Musikalisch bleibt sie nicht immer so sanft, sie gibt sich auch mal lauter und energischer. Gleich der Einstieg rockt die Wunscherfüllung herbei, die mit fast mantrischem Nachdruck vorgetragenen Wünsche wirken allerdings in der Zusammenstellung oft skurril und weichen dadurch vom gängigen Wunschgezettel deutlich ab: „Wünsch dir eine 1 in Mathe/ eine Taschengelddebatte/ oder `n Iglu ganz aus Watte/ wünsch dir eine rosa Ratte …“

Erwin Grosche: Alltagspoet aus Paderborn

Diese guten Wünsche finden ihre Fortsetzung später auf dem Album, wenn die Bedingungen für einen guten Tag geklärt werden, allerdings diesmal in der Negation: „Noch hat mich kein Ball getroffen/ bin ich nicht im Fluss ersoffen/ noch hat mich kein Pferd getreten/ als wir unsere Runde drehten/ sieht nach einem guten Tag aus …“ So klingt es, wenn ein Alltagspoet aus Paderborn seine Variation von „Heut ist so ein schöner Tag“ singt.

Diesen Titel bringt eine „bratende“ Elektrogitarre nach vorn, doch es sind andere Lieder, die mein Herz gewinnen. Da ist zum Beispiel der Platzwart, der auf dem Fußballfeld singt, während er die Linien des Spielfeldes zieht. Ich stelle mir den wirklichen Platzwart meines Heimvereins in seinem Blaumann vor, wie er, die schmutzigen Arbeitsschuhe mit weißem Kreidestaub veredelt, singt – was schon eigenartig genug ist.

Fußball als bestimmendes Thema

Mit seinen Kreidestrichen umreißt er sein Universum und fühlt sich dabei ein bisschen wie der liebe Gott („Gott malt `nen Stern am Himmel/ Ich den Elfmeterpunkt“), allerdings auf eine sehr schlichte, bodenständige Weise. Ein einfacher Singsang nur, vorgetragen von einer fast teilnahmslosen Jungenstimme (Benedikt Gockel-Böhner), schwingt sich schließlich zu ungeahnten Gipfeln empor, auf denen wir ein fast jodelndes Echo hören.

Überhaupt ist Fußball ein sehr bestimmendes Thema dieser CD: Da fehlt auch der hymnenartige Mitklatschsong nicht, das Kartenset des Referees wird erweitert um die Käferkarte und die Windkarte, und manchmal begegnen wir eingefrorenen Momenten, wie in Zeitlupe.

Der König der Torwarte

Bei dem Song „Der Elfmeter“ fühlte ich mich an Roberto Baggio erinnert, der 1994 im WM-Finale gegen Brasilien den entscheidenden Elfmeter verschoss, was wir in dem genialen Film „Finale“ auf der ganzen Welt, in sozusagen Megaslowmotion, nochmal miterleben durften. Dieser Film sei hier nebenbei empfohlen, wem das zu viel ist, der lausche einfach diesem Lied. Wobei hier nicht verraten werden soll, ob er in diesem Fall reingeht oder nicht, das müssen sie schon selbst rausfinden, lieber Leser.

Auch der König singt sein Lied, in diesem Fall der König der Torwarte. Er erinnert mich in seiner arroganten Haltung und seiner musikalischen Lässigkeit an den „Schakal“ von Ferri, auch in der Art, Seltsamkeiten (im einen Fall ungewöhnliche Lieblingsgerichte, im anderen selbstgewählte Heldenspitznamen) aufzuzählen, ähneln sich die beiden Songs. Der Sprechgesang wirkt vor allem durch die schön schleimig daherkommende Stimme von Willi Hagmeier.

„Die Flamingos“: Antje Wenzel und Barni Bürger

Erwin Grosche nennt seine Band „Die Flamingos“ – das sind Antje Wenzel, die auch für die Arrangements verantwortlich ist, und Barni Bürger – und er sagt über sie: „Tanzt ein Flamingo Tango/ dann singt er sowieso:/ Ich bin Flamingo-Ingo/ und bin danach k.o.“ Nun mit Tango hat der Song jedenfalls wenig zu tun, obwohl er zumindest einen Hauch Lateinamerika versprüht.

Einen Hauch Jöckermitmachprogramm bietet „Streck hoch die Beine bis zum Arm“. Allerdings wäre es kein Lied von Erwin Grosche, wenn es nicht die Parodie gleich mitliefern würde: „Nun springst du hoch zum Gotterbarm´/ dann wird dir warm, ganz plötzlich warm./ Und hörst du plötzlich Kussalarm,/ dann lauf schnell weg, dann wird dir warm.“

Kinderlieder sind Poesie und Musik von Anfang an

29 Lieder und Verse umfasst das Werk – mein absolutes Lieblingslied ist Fritz. Fritz ist ein bisschen langsam, alle müssen immer auf ihn warten, er liebt die Hektik nicht: „Er nimmt erst eine und nicht gleich zwei Stufen,/ Fritz wird kommen, wenn wir ihn rufen.“ Überall kommt er zu spät, aber man kann ihm nicht wirklich böse sein, weil dort, wo er träumt, jeder sein kann, wie er will. Die Musik ist – cool. Und passt dadurch sehr gut zu ihm.

Kinderlieder sind Poesie und Musik von Anfang an – das hat Erwin Grosche mit seinem neuen Projekt in bester Weise umgesetzt. (Die Bedeutung von EIS: Es Ignoriert Salz. Großartig.) Ich hätte gerne noch etwas mehr vom französischen Akkordeon in der Auf-Wiedersehen-Straße gehört, das leider allzu schnell ausgeblendet wird und in den Hintergrund des Sprechverses abgleitet.

Für meinen Geschmack hätte auch ein Ball-Lied gereicht (klarer Sieger im Wettstreit der beiden ist der Sprechkanon „Ich bin der Ball“), aber eines weiß ich: Mit dem Tigerstuhl (sehr gefährlich!) werde ich es nach dem Genuss dieses Tonträgers in jedem Fall aufnehmen können!

LINKS:

www.erwingrosche.de

www.kinderbuchverlag-paderborn.de

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