Pelemele, Unmada und die Liebe – Über die spirituelle Kraft von Kinderliedern

– Ein Text von Matthias Meyer-Göllner –

Die Schöpfungsgeschichte im Sand

Die Schöpfungsgeschichte im Sand

„Es gibt aber mehr als elf Menschen!“, sagt ein ungefähr 8-jähriges Mädchen, während es die Schöpfung betrachtet. Die Schöpfung – das ist eine kleine Installation in der Mitte des Kreises von Kindern, die an diesem Sonntagmorgen den Gottesdienst in der Kulturkirche Köln-Nippes besuchen.

Kein Gottesdienst mit brausender Orgel und Pfarrer im Talar, sondern ein sehr spezieller: Während die Schöpfungsgeschichte erzählt wurde, hat Julian zusammen mit Miriam, der Pfarrerin, diese kleine Installation aufgebaut. In einem Sandhaufen haben sie zunächst Himmel und Meer markiert, dann Pflanzen, Tiere und Menschen hineingestellt und schließlich Sonne, Mond und Sterne mit Karten an den Himmel gehängt.

Die Schöpfungsgeschichte im Sandhaufen

„Ja, es sind sieben oder acht Milliarden“, sagt ein Junge. Das ist eine unvorstellbar große Zahl. Viele Zahlen haben an diesem Morgen schon den Weg in die Köpfe der Kinder gesucht. Neben unzähligen Pflanzen und Tieren gibt es auch noch unzählige Planeten, Sterne und Galaxien, die gemeinsam ein großes Universum bilden. Ob diese Zahlen auch den Weg in die Köpfe der Kinder gefunden haben, muss wohl ungeklärt bleiben.

Dafür haben andere Informationen diesen Weg ganz sicher entdeckt: Welche Aufgabe hat der Mensch im Rahmen dieser Schöpfung? „Alles essen!“, ruft ein anderer Junge. Gelächter. Damit hat niemand gerechnet. So wie mit vielem, was an diesem Vormittag im Kindergottesdienst geschieht. Miriam und ihr Team haben zwar alles gewissenhaft vorbereitet, aber natürlich kann man nicht alles vorhersehen. Zum Beispiel die Reaktionen der Kinder. Insbesondere dann nicht, wenn der Gottesdienst gemeinsam mit Pelemele gestaltet wird.

Pelemele: Lokalmatadoren in Sachen Kindermusik

Pelemele machen Rock für Kinder und sind in Köln-Nippes die Lokalmatadore in Sachen Kindermusik. Und sie legen auch an diesem Vormittag mächtig los: „Die Gartenpiraten“ heißt ihr mitreißender Song zum Einstieg, denn die Natur steht an diesem Wochenende im Mittelpunkt.

Pelemele beim Gottesdienst für Kinder in der Kulturkirche Köln

Pelemele beim Gottesdienst für Kinder in der Kulturkirche Köln

Gemeinsam mit der Kulturkirche haben die vier Kölner Musiker ein neues Festivalkonzept entwickelt: Zu einem bestimmten Thema – in diesem Fall „Schützt die Natur!“ – findet am Samstagnachmittag ein Familienkonzert im Gemeindesaal der Kirche statt. Ein Gast aus der Kindermusikszene ist dabei und entwickelt mit Pelemele ein passendes Programm. Am Sonntag wird das Thema aufgegriffen und in einem Kindergottesdienst vertieft. Die Kinderrocker sind wieder mit dabei und schaffen mit ihren Liedern vom Vortag die deutlich spürbare sinnliche Verbindung.

Jubiläum für Unmadas Kinderwald

Schauplatzwechsel. Zwei Wochen zuvor. Im Lister Turm in Hannover spricht Professor Gerald Hüter über die salutogenetischen Grundsätze. Damit sind Voraussetzungen gemeint, die einen Menschen zu einem gesunden und glücklichen Leben verhelfen können. Er berichtet von drei Grundsätzen:

– Verstehbarkeit (Die Fähigkeit, dass man die Zusammenhänge des Lebens versteht.)
– Handhabbarkeit (Die Überzeugung, dass man das eigene Leben gestalten kann.)
– Sinnhaftigkeit (Der Glaube, dass das Leben einen Sinn hat.)

Professor Hüther spricht aus Anlass eines besonderen Jubiläums: Der Hannoveraner Kinderwald wird 20 Jahre alt! Liedermacher Unmada hat dieses Projekt vor 20 Jahren initiiert. Auf einer Abraumhalde zwischen Industriehafen, VW-Werk und Autobahnen pflanzte er gemeinsam mit Kindern Bäume und Sträucher. Was damals wie eine postapokalyptische Wüste aussah, grünt und blüht heute in aller Pracht, zu der die Natur fähig ist.

Der Kinderwald als Kindheitsschatz

Aber nicht nur Bäume, Pflanzen und Tiere sind in 20 Jahren gewachsen. Beim Betrachten der den Festakt begleitenden Ausstellung berühren mich vor allem die Bilder der Menschen: Aus den Kindern von damals sind die Erwachsenen von heute geworden, die diesen Kinderwald als ihren Kindheitsschatz betrachten.

Unmada mit Band im Lister Turm

Unmada mit Band im Lister Turm

„Unser Kreis, er sei offen, aber ungebrochen“, singt Unmada auf der Bühne und es wird deutlich, welche Kraft dieses Projekt zusammenhält und lebenslanger Ausdruck für diesen Kindheitsschatz bleiben wird. Es ist dieselbe Kraft, die spürbar wird, wenn Pelemele beim Kindergottesdienst mit Kindern und Erwachsenen singt: „Bum-schakalaka-schakalaka-schakalaka-bum“ und keiner im Gemeindehaus bleibt sitzen, denn alle werden mitgerissen und tauchen ein ins gemeinsame Singen, Tanzen und Springen.

Hohe Ziele für die Kinderliedermacher

Ich denke an meine eigene Kindheit. Wenn ich versuche, mich zu erinnern, erscheint wenig konkretes aber viel emotionales. Wenn ich nach meinem persönlichen Kindheitsschatz suche, der die große Sehnsucht nach einer unbeschwerten Zeit nährt, dann lande ich fast immer bei Liedern. „Im Märzen der Bauer“ fällt mir zum Beispiel immer noch als erstes ein, wenn sich draußen (und in der Nase) die ersten Anzeichen des Frühlings zeigen. Und bei „Oh du fröhliche“ geht an Weihnachten immer noch mein Herz auf.

Vielleicht liegt es auch daran, dass in dieser Zeit alles noch verstehbar, gestaltbar und voller Sinn war. Und vielleicht gelingt es uns, auch solche Schätze zu schaffen für unser heutiges Publikum. Das wäre zwar ein hohes, aber in jedem Fall nicht das schlechteste aller Ziele für einen Kinderliedermacher.

„Gott ist Liebe“, sagt Miriam irgendwann im Gottesdienst und dann singen Pelemele von der Sonne, vom Sommer und davon, wie befreiend es ist, Schal und Mütze von sich zu werfen und Luft, Wasser und Sand auf der Haut zu spüren. Ja, denke ich, das ist er wohl, aber Pelemele und Unmada und ihre Lieder sind es auch.

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