Kinderlied – Eine Begriffsbetrachtung

– Ein Text von Wolfgang Hering –

Wolfgang Hering

Wolfgang Hering

Es mag der Begriff „Kinderlied“ betulich und nicht modern klingen; ich möchte trotzdem an ihm festhalten und einen kleinen Rundumschlag wagen. Kinderlieder gehören m. E. mit ihren traditionellen Wurzeln zum einen in großen Teilen zu den „Volksliedern“. Zum zweiten sind sie Teil der Popularmusik. In der Regel wird unterschieden zwischen:

1. Liedern für Kinder und
2. Liedern von Kindern.

Ergänzen sollte man den Bereich:
3. Lieder, die das Thema „Kinder“ behandeln.

Die Übergänge sind m. E. fließend. Da Kinderlieder immer aus Text und Musik bestehen, legt sicher der Begriff „Kindermusik“ den Schwerpunkt auf die musikalische Seite. So passen reine Musikstücke wie „Peter und der Wolf“ ebenso wenig zum Genre „Kinderlied“ wie ausdrücklich gesprochene Verse wie z. B. Abzählverse oder Fingerspiele. Auch wenn die Kompositionen in den letzten Jahrzehnten vielfältiger geworden sind, z. B. durch die Übernahme von Musikstilen aus anderen Kulturen, bleibt doch das Grundlegende bestehen. Die meisten Kolleginnen und Kollegen schreiben Lieder für Kinder, eben Kinderlieder.

Der Begriff „Kinderliedermacher“ ist erst in den 70er- und 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts aufgekommen. Waren es am Anfang nur wenige Protagonisten wie Rolf Zuckowski, Detlef Jöcker oder Fredrik Vahle, die für das „neue Kinderlied“ standen, so ist die Szene mittlerweile sehr abwechslungsreich und bunt geworden. Der typische Kinderliedermacher ist „Allrounder“: Er schreibt die Texte und Spieltipps, singt die Melodien, kümmert sich um die Arrangements, gestaltet die Konzerte und arbeitet oft noch pädagogisch. In den Bands sind die Tätigkeiten meist verteilt. Einige Kinderliedermacherinnen sind in den letzten Jahren dazugekommen.

Es ist durchaus möglich, dass Kinderlieder von Erwachsenen adaptiert werden wie z. B. „So ein schöner Tag“ oder „Das rote Pferd“, die dann ebenso bei Volksfesten und im Festzelt gesungen werden. Umgekehrt werden Stücke aus der Volks- und Popmusik in den Familien auch von den Kindern geliebt und nachgesungen. Der Übergang zu Schlagern, Rocksongs oder Chansons kann sicher verschieden abgegrenzt werden. Gerade in den letzten Jahrzehnten hat die populäre Musik immer mehr die Kinderliedszene geprägt.

Manchen mag der Begriff „Kinderlied“ zu bieder daherkommen. Es bleibt aber m. E. der prägende Gattungsbegriff. Einzelne Aspekte können mit den Begriffen Bewegungslied, Spiellied, Schlaflied oder Tanzlied hervorgehoben werden. Das Themenspektrum hat sich sicherlich in den letzten Jahren um einiges erweitert. Für mich behandeln Kinderlieder Themen, die für die Kleinen nachvollziehbar sind und die den jeweiligen Entwicklungstand der Kinder berücksichtigen. Sie können reale wie fantastische Elemente beinhalten. Wer Kinderlieder singt, schafft immer auch einen kommunikativen Raum.

In der „Europäischen Ethnologie“, früher Volkskunde genannt, wird das Kinderlied als eigenes Genre behandelt und auch wissenschaftlich betrachtet.

Kinderlieder gehören demzufolge zu den Kinderspielen. Wiegenlieder z. B. lassen sich bis in das 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Sie haben eine lange Tradition. So finden sich auf dem Bild des holländischen Malers Pieter Bruegel von 1560 mit dem Titel „Kinderspiele“ viele unterschiedliche Spiele, wie z. B. das Seilspringen und Hinkefuß, Kinder spielen mit Fassreifen oder blasen auf Tonflöten. Überall sind tanzende und spielende Menschen zu sehen. Ich nehme an, dass dabei auch rhythmisch gesprochen oder gesungen wurde.

Fast alle der allgemein in Deutschland bekannten überlieferten Kinderlieder stammen aus dem 19. Jahrhundert. Allein Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798–1874) schrieb die Texte zu ca. 500 Kinderliedern. Auch Ernst Anschütz („Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ von 1824) oder der Pädagoge Friedrich Fröbel („Häschen in der Grube“, „Wir öffnen jetzt das Taubenhaus“ Mitte des 19. Jh.) sind unter den Textgestaltern zu nennen. Einige Autoren sind in Vergessenheit geraten, wie z. B. Margarete Löffler, die „Dornröschen war ein schönes Kind“ geschrieben hat. Im 19. Jahrhundert wird auch erstmalig von einer „Kindheit“ gesprochen und der „Kindergarten“ als Institution ins Leben gerufen.

Vermutlich haben es früher die Kinderlieder nie ganz einfach gehabt, von den Erwachsenen ernst genommen zu werden. In der ersten großen deutschsprachigen Liedersammlung, „Des Knaben Wunderhorn” von 1808, gab es eine Kinderliedabteilung, die nur aus reinen Texten ohne Noten und Spielanregungen bestand. Das war eigentlich nicht verwunderlich, denn die Autoren hatten fast ausschließlich literarisches Interesse. Im Laufe des 19. Jahrhunderts gab es dann die ersten Aufzeichnungen von Spielliedern, die Spielanregungen dazu wurden jedoch meist als bekannt vorausgesetzt und nicht mit aufgeschrieben. Erst gegen Ende des 19. und im 20. Jahrhundert gab es genauere Melodieaufzeichnungen und Spielbeschreibungen. Hinzu kamen Tanzlieder, bei denen Jung und Alt mitmachen konnten. Noch heute gibt es in anderen Kulturen Tänze und Bewegungslieder, bei denen nicht weiter unterschieden wird, ob sie sich an Kinder oder Erwachsene richten. Sie sind einfach Teil der musikalischen Kultur.

In der Wandervogelzeit Anfang des 20. Jahrhunderts sind viele neue Lieder entstanden, die oft sehr bewegungsorientiert sind. Der Übergang zum Tanz ist fließend. So gibt es den  „Siebensprung” – mit der Spielidee, dass jeweils in einer Pause eine neue Bewegung hinzukommt – als Lied und als Tanz. Fritz Jöde, ein Hauptvertreter dieser Richtung und Vorreiter der „musischen Erziehung”, hat viele Liedersammlungen veröffentlicht, in denen insbesondere auf die Spielbeschreibungen großen Wert gelegt wurde.

In jüngerer Zeit ist eine unendliche Fülle neu geschriebener Kinderlieder hinzugekommen, die meist mit Spiel- und Bewegungsaufforderungen verknüpft werden. Heutige Kinderliedermacher/innen verwenden oft die alten Spielideen mit neuen Texten. Hier kommt es vor allem darauf an, dass das Timing stimmt – das richtige Zusammenspiel von Sprache, Musik und Bewegung – und dass die Texte moderne Themen aufgreifen. Es ist auch eine echte Herausforderung, Lieder für kleine Kindern zu schreiben, die sie nicht überfordern, trotzdem einen eigenen Reiz haben.

Viele alte Spiellieder mit einfachen Bewegungsaufforderungen sind aber fast zeitlos. Diese Stücke sind sprachlich einfach „stimmig“ und weisen wunderschöne Bewegungsideen auf. Sie können gut auch mit kleinen Kindern umgesetzt werden. Teilweise muss nur die altertümliche Wortwahl etwas angepasst werden. In neuerer Zeit hat sich ein eigener Bereich „Rockmusik für Kinder“ entwickelt.

Das Kinderlied wird sich weiter entfalten. Wenn Kinder mitsingen sollen, muss die kindliche Stimmlage berücksichtigt werden. Im Zeitalter des Internets muss der Urheberschutz Beachtung finden. Das Singen und musikalische Betätigen wird m. E. immer als Alternative zum reinen Konsumieren von Medien wichtig sein. Es bleibt die Frage: „Was ist ein gutes Kinderlied?“. Da lässt sich sicher gut debattieren.

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