Tanz mit den Händen – Kinderlieder und Gebärden

– Ein Text von Matthias Meyer-Göllner –

Gebärden-Workshop

Gebärden-Workshop

„Die Hand wackelt so ein bisschen hin und her, das ist das Blinken vom Spiegel,“ erklärt Wiebke Gericke, Diplompädagogin und Gründerin von babySignal, während wir den Schluss des Liedes „Das ist ein Ball“ in Gebärden umsetzen. „Dann nehmen wir noch das ‚ich‘ am Ende“ – dabei zeigt sie auf sich – „und ’nett‘, das geht so“ – dabei streichelt sie sich über die Wange.

„Das reicht. Sonst wird es überfrachtet.“ Die Kinderliedermacherinnen und Kinderliedermacher probieren das sofort gemeinsam aus, denn in diesem Workshop geht es um die künstlerische Gestaltung von Kinderliedern mit Gebärden. Ich bin froh, dabei zu sein, auch, aber nicht nur, weil gerade mein Lied aus „Klitzekleine Krabbelkäfer“ gebärdet wird, sondern weil ich mich mit den anderen Teilnehmern tief in die Fragen von musikalischer und textlicher Liedstruktur begeben habe, um diese optimal mit Gebärden zu unterstützen.

Kanon, Herbstlied oder Punkrock: Kinderlieder mit Gebärden versehen

Wir haben schon einen gruseligen Halloween-Song von Cattu, einen sanften Kanon von Beate Lambert, ein Herbstlied von Helmut Meier und sogar ein Punkrock-Weihnachtslied von Randale betrachtet und mit Gebärden versehen. Und die Ideen scheinen uns nicht auszugehen …

Die ursprüngliche Idee ist naheliegend: Wenn wir Kinderliedermacher mit Kindern singen, benutzen wir oft Bewegungen dazu. Warum dann nicht gleich Gebärden zum Beispiel der deutschen Gebärdensprache nehmen? Sie erfüllen mindestens die gleiche Funktion wie andere beliebige Bewegungen und haben zusätzlich den Effekt, dass auch Menschen, die auf Gebärden angewiesen sind, uns verstehen können.

„Gebärden sind eine große Bereicherung für mich!“

So in etwa dachte auch Unmada Manfred Kindel und initiierte das Zusammengehen von Kinderlied und Gebärde. Zunächst in eigenen Songs, später mit immer mehr Einfluss auf Kollegen wie mich. „Gebärden sind eine große Bereicherung für mich“, sagt Unmada: „Ich weiß, dass es gut ist für alle Kinder, Lieder mit Gebärden zu singen – egal in welchem Alter.“

Gebärde für "schlau"

Gebärde für „schlau“

Lieder aus meinen Fortbildungen wie „Ich bin stark“ oder „Die Vögel am Himmel“ zeugen von dieser Entwicklung. Die Gebärden zu diesen Liedern habe ich übrigens auch schon mit Wiebke Gericke aus Hamburg entwickelt. Mit babySignal hat sie ein Konzept geschaffen, bei dem Eltern von kleinen Kindern ermutigt und ausgebildet werden, mit ihren Kleinen zu gebärden. Die Ergebnisse sind verblüffend. Kinder erlangen Ausdrucksmöglichkeiten, lange bevor sie anfangen zu sprechen und schaffen so die Grundlage für eine positive Entwicklung.

Gebärden geben Liedern eine neue, geradezu tänzerische Dimension

Beim Workshop auf dem diesjährigen Jahrestreffen von kindermusik.de zeigt sich eine weitere Qualität der Gebärden: Sie geben den Liedern eine neue, geradezu tänzerische Dimension. Astrid Hauke alias „Lieselottes Quetschkommode“ aus Bielefeld ist begeistert: „Mit Gebärden bei den Liedern klingen und singen wir nicht nur gemeinsam, sondern wir performen auch gemeinsam. Musik ist das, was uns zusammenführt und die Gebärden sind das, was uns zusammenhält und stützt.“

Wiebke Gericke, Diplompädagogin und Gründerin von babySignal

Wiebke Gericke, Diplompädagogin und Gründerin von babySignal

Bei der Auswahl der Gebärden achten wir darauf, dass sie die künstlerische Stimmung eines Liedes einfangen und sinnvoll ergänzen. Die „Mausmusik“ von Ferri ist ein eher bewegtes, stimmungsvolles Lied, da kommen große Gebärden vor (wie zum Beispiel „Klatschen“). Das zarte Lied vom Regenbogen, für das wir mit Beate Tarrach („Leichtfuß und Liederliesel“) nach Gebärden suchen, verlangt nach einem ruhigen Spannungsbogen. Hier unterstützen die Gebärden die nach innen gekehrte Stimmung.

„Gebärden haben etwas Ganzheitliches – sie stärken mich“

Aber auch die Akteure selbst profitieren von den Gebärden. „Cattu“ aus Berlin findet: „Ich habe durch die Gebärden noch eine andere Ebene, die das, was ich sage und singe, noch unterstützt. Das gefällt mir sehr!“ Und Frank Bode aus Herzberg ergänzt: „Gebärden haben etwas Ganzheitliches – sie stärken mich, wenn ich performe und singe.“

Und schließlich entsteht noch eine weitere Idee: Deutsch lernen für Nicht-Muttersprachler ist in aller Munde. Auch dazu scheinen die Gebärden bestens geeignet zu sein. Nicht nur Kinder mit fremdsprachigem Hintergrund, die oft die neue Sprache sehr schnell lernen, auch ihre Eltern können hiervon profitieren. Einfache Begriffe als Wort und als Gebärde prägen sich viel besser ein.

Erste Kinderlieder-mit-Gebärden-Videosammlung

Das wird uns beim Lied zur Begriffsbildung besonders deutlich: „Ball, Ball, das ist ein Ball, der ist rund und rollt zu mir!“ So kann man doch ziemlich schnell Begriffe lernen. „Dazu brauchen wir Videos, lasst uns gleich anfangen!“ So fordert Wiebke Gericke die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf und so entsteht die erste Kinderlieder-mit-Gebärden-Videosammlung. Das erste könnt ihr hier sehen:

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