Von Latte-Macchiato-Eltern und Kieler-Ostufer-Kindern: Ein Gespräch mit „Deine Freunde“ (Teil 2)

Im zweiten Teil des Gesprächs des Kinderlieder-Magazins mit „Deine Freunde“ geht es darum, wie lange man Kindermusik machen kann, bevor es peinlich wird, warum man nicht mehr auf jedem Stadtfest spielen sollte, welche Eintrittspreise für Kinderkonzerte genommen werden und welche Familien man erreichen kann – und welche nicht. Den ersten Teil des Interviews könnt ihr hier nachlesen.

– Ein Gespräch mit Lukas Nimscheck, Danny Engel und Matthias Meyer-Göllner –

Florian Sump, Markus Pauli und Lukas Nimscheck von der Band "Deine Freunde" (Foto von Michi Schunck)

Florian Sump, Markus Pauli und Lukas Nimscheck von der Band „Deine Freunde“ (Foto von Michi Schunck)

Matthias: Wie lange werdet ihr es machen?

Lukas: Bis es uns peinlich wird. Wir haben immer gesagt: Es hätte auch schon dieses Jahr passieren können. Dann hätten wir’s gelassen.

Matthias: Aber warum sollte es peinlich werden? Du sagtest, Flo ist Vater geworden. Haben noch mehr von euch schon Kinder?

Lukas: Nee.

Matthias: Dann werdet ihr doch nochmal befeuert werden …

Lukas: Naja, Pauli und ich sind zum Beispiel zehn Jahre auseinander, ich bin 29, er ist 39. Es wird vermutlich irgendwann einen Moment geben, wo wir sagen: Jetzt hören wir mal auf. Aber der ist nicht absehbar. Zehn Jahre mindestens noch! Und dann ist ja auch schon wieder alles ganz anders …

Vielleicht gibt es irgendwann mal die Möglichkeit, das Ganze nicht mehr so auf live zu münzen, sondern zum Beispiel Hörspiele zu machen mit Songs drin in unserem Style und Humor. Aber wir haben uns darüber noch nicht allzu viele Gedanken gemacht. Wir sind immer noch in dem Modus, dass wir überrascht sind, wieviel wir damit zu tun haben.

„Nicht mehr um jeden Preis irgendwo spielen“

Matthias: Wieviel Gigs macht ihr im Jahr?

Lukas: Dieses Jahr 85.

Matthias: Das ist viel auf dem Level.

Lukas: Wir hatten in diesem Jahr nur wenige Fremdgigs, bei denen wir gebucht waren. Wir spielen in diesem Jahr zwei Tourneen, weil wir da vielmehr machen können, was wir wollen. Und weil es im Kinderliederbereich auf den Bühnen leider manchmal technisch so unterversorgt ist, dass wir da vieles nicht mehr machen wollen. Das war eine Sachen für die ersten zwei Jahre, das ist bei unserem jetzigen Standard aber oft nicht mehr möglich.

Danny: Nicht mehr um jeden Preis irgendwo spielen. Es muss technisch so ausgestattet sein, dass jeder auf der Bühne sich wohlfühlt. Wir kommen alle aus einem Bandumfeld, wo das einfach dazu gehört. Genauso wichtig, wie welche Songs du machst, ist, wie du nach außen klingst und aussiehst. Dafür wird leider auf den meisten Festivals im Familien- und Kinderbereich kein Geld ausgegeben. Da haben wir irgendwann die Konsequenzen gezogen und gesagt: Sorry, da spielen wir nicht.

„Zu einem richtigen Konzert gehört gute Technik“

Lukas: Unser Versprechen ist ja: Ihr kommt zu uns als Familie und es ist ein richtiges Konzert, wie es die Eltern kennen. Dazu gehört eben auch eine gute Technik. Wir verdienen ja nur live Geld, denn von CD-Verkäufen kann kein Mensch leben. Deshalb haben wir alle Energie und alles Geld in eine möglichst gute Liveproduktion gesteckt. Wir sind zu sechst unterwegs: Wir haben einen Tonmann, einen Lichtmann und Danny dabei. Wir werden zur neuen Tour zum ersten Mal auch einen siebten Menschen mitnehmen.

Matthias: Der dann was macht?

Lukas: Der dann technisch unterstützen muss. Wir haben inzwischen auch Nebelfontänen …

Matthias: Ihr fahrt also mit eigenem Equipment?

Danny: Wir haben relativ aufwendige Bühnenaufbauten dabei. Das muss immer wieder neu aufgebaut werden. Das frisst tierisch viel Zeit.

„Ein nicht kleiner Teil ist die große Lichtshow“

Lukas: Es gibt ein richtiges Bühnenbild, mit sechs beleuchteten Kuben, einem Vorhang. Das wird von uns aufgebaut und transportiert und ist auch von uns gekauft worden. Das sollte möglichst fett aussehen. Wir sind zu dritt und die Musik kommt fast immer vom Band, deswegen müssen wir optisch was bieten. Wir choreographieren uns, aber ein nicht kleiner Teil ist die große Lichtshow und das, was man auf der Bühne sieht.

Danny: Wir spielen in ganz normalen Liveclubs, wo am nächsten Tag die Band XY spielt. Wir haben auch schon in Aulas gespielt, aber da fühlt man sich irgendwann auch verarscht von Veranstalterseite. So: „Das ist doch für Kinder – nimm dies!“ (Lacht)

Matthias: Kennt ihr eigentlich Rumpelstil?

Lukas: Die machen ja diese Riesentaschenlampenkonzerte. Finde ich ganz gut.

Matthias: Die haben ja auch diesen Anspruch: Technisch muss das unseren Anforderungen entsprechen, sonst spielen wir nicht.

„Es gibt Kindermusik, die dem, was ich gut finde, nahekommt“

Lukas: Und sie spielen sehr erfolgreich! Ich kenne sie noch aus meiner Kindheit aus dem FEZ, da war ich auch irgendwie Fan. Und erst vor kurzem habe ich mitbekommen, was die für gigantische Shows spielen.

Matthias: In Berlin in der Waldbühne.

Lukas: Und hier im Stadtpark. Ich finde auch viele Sachen gut. Unsere Labelkollegen „Eule findet den Beat“ finde ich richtig gut. Sind natürlich keine Kindermusiker im klassischen Sinne, sondern haben sich Musiker geholt, die Songs für sie gemacht haben.

Ich finde viele Sachen von Rolf total gut, ich finde ein paar Sachen von Donikkl gut … Es gibt schon Kindermusik, die dem, was ich gut finde, nahekommt. Es ist nicht allumfassender Hass gegen alle anderen Leute, die Kindermusik machen.

Danny: Hass ist es ja sowieso nicht. Es ist halt ein komplett anderer Ansatz, Kindermusik zu machen. Das ist wie in der Pop- oder Rockmusik: Die eine Band hat einen anderen Ansatz als die, die einen haben Erfolg, die anderen nicht.  Warum sollte es in der Kindermusik anders sein?

„Eintrittspreise werden bei uns auch immer noch diskutiert“

Lukas: Das ist ein bisschen wie im Theater. Das Schmitd-Theater, in dem ich arbeite, ist sehr erfolgreich, steht aber immer in der Kritik, ein bisschen blödes Theater zu machen. Da gibt es diesen Streit zwischen Hochkultur und Volkstheater. Wir haben deshalb hier auch einen Minderwertigkeitskomplex, weil die Kritiker schlecht über die Stücke schreiben. Die Leute kommen aber.

Matthias: Was arbeitest du hier?

Lukas: Ich war lange Assistent vom Chef und mache jetzt Sonderproduktionen. Ich habe gerade Musik für ein Stück geschriebenen, bin schon lange im Musicalbereich.

Matthias: Es gibt ja auch ein Kinderprogramm im Schmidtchen …

Lukas: Damit habe ich nichts zu tun. Wir machen hier aber auch Kindertheater mit einem sehr modernen Ansatz, produziert wie Erwachsenen-Theater. A-Besetzung, aufwendiges Bühnenbild, aufwendiges Licht, Supermusik … Das hat sich gelohnt, es läuft inzwischen ganz gut. War am Anfang ein bisschen schwierig, die Leute mit Kindern auf die Reeperbahn zu kriegen, aber inzwischen läuft es ganz gut.

Diskutieren jedes Mal aufs Neue über ihre Eintrittspreise: Die Hamburger Hiphop-Band "Deine Freunde" (Foto von Michi Schunck)

Diskutieren jedes Mal aufs Neue über ihre Eintrittspreise: Die Hamburger Hiphop-Band „Deine Freunde“ (Foto von Michi Schunck)

Matthias: Ich finde es gut, dass man solche Ansprüche formuliert, was Technik und Gagen angeht. Am besten finde ich ja bei euch, dass ihr aus diesem 5 bis 8 Euro-Raum für den Eintritt rausgekommen seid. Wenn wir acht Euro nehmen, meckern die Leute schon am Eingang.

Danny: Die Eintrittspreise werden bei uns auch immer noch diskutiert. In den Läden, in die wir gehen, zahlen wir dieselbe Miete wie jede andere große Band auch. Und am Ende bleibt sehr viel weniger übrig.

Lukas: Auch jetzt noch. Obwohl wir höhere Preise als andere Kindermusiker nehmen, nehmen wir immer noch niedrigere Preise als andere Musiker, die das gleiche Geld ausgeben in den Locations, in denen wir spielen.

„Eine Familie muss es sich leisten können, zu uns zu kommen“

Danny: Wir sehen immer wieder, was andere Kindersachen kosten.

Matthias: Ja, 5 Euro.

Danny: Nein, Kindertheater kostet mindestens 25 Euro pro Person.

Lukas: Oder guck dir diese ganzen Disneyshows an … Hier im Schmidt geht es bei 18 Euro los und hört bei 25 Euro auf.

Danny: Eltern gehen mit ihren Kindern zu Bibi und Tina, das kostet 65 Euro Eintritt. Da meckert auch keiner.

Matthias: Das ist doch aber auch oft Mist oder?

Danny: Ich will mir das mal angucken, ich hab’s noch nie gesehen. Jedenfalls ist diese Eintrittspreis-Diskussion jedes Mal aufs Neue da. Wir setzen uns zusammen und überlegen, wie wir das machen. Wenn wir fünf oder sechs Wochen unterwegs sind, aus allem raus, muss jeder von uns etwas verdienen. Da wird dann überlegt, ob wir’s noch einen Euro teurer machen, oder ob das doof ist.

Lukas: Es war immer die Idee, dass eine Familie es sich leisten können muss, zu uns zu kommen. Die Frage ist nur: Von welcher Familie geht man aus? Wir lösen das so: Die Ticketpreise müssen so sein, dass ein Normalverdiener es sich leisten kann, ohne groß drüber nachzudenken. Und alle anderen kommen auf die Gästeliste. Es gibt tatsächlich in jeder Stadt ein, zwei Leute, die uns schreiben: Ich bin euer Fan, aber ich kann’s mir nicht leisten. Da haben wir immer ’ne relativ große Gästeliste.

„Keiner von uns verdient richtig viel Geld damit“

Matthias: Das kommt natürlich nur in bestimmten Kreisen an. Ihr erreicht damit nicht die Kinder auf dem Kieler Ostufer.

Lukas: Ich habe mal einen Rüffel bekommen, weil ich gesagt habe, zu uns kommen nur die „Latte-Macchiato-Eltern“. Die Studienräte mit ihren coolen Kindern, die die teuren Markenklamotten haben. Das hat sich aber total verändert, weil die Konzerte größer geworden sind. Am Anfang war das vielleicht so, aber inzwischen kommen alle zu uns. Es kommen auch ganze Schulklassen, die dann nach einem Gruppenpreis fragen. Das klären wir immer mit Augenmaß vor Ort.

Und man kann diese Frage stellen, ob man auch die Kinder vom Kieler Ostufer erreicht. Aber man muss auch fragen, auf wessen Kosten das dann geht. Künstler ist ein Beruf, Musiker ist ein Beruf: Muss man also als KIndermusiker ganz wenig Geld verdienen? Keiner von uns verdient richtig viel Geld damit. Aber mir ist es wichtig, dass wir normale Gagen bekommen. Kein Schauspieler, der hier spielt, macht Kindertheater irgendwo in Deutschland und bekommt dafür weniger als 200 Euro am Tag. Das ist ein Beruf und die Leute kommen und sehen sich das an und haben eine schöne Zeit bei dir. Was nimmst du denn so?

Matthias: Ich spiele ja eher bei Veranstaltungen, bei denen ich gebucht werde. Wenn ich selber veranstalte, sind es so 6 bis 7 Euro.

Lukas: Wie viele sind dann da?

Matthias: Vielleicht 200.

„Wer es sich nicht leisten kann, den laden wir ein“

Lukas: Aber das bekommst du doch kaum finanziert, wenn du Anlagen aufbauen musst …

Matthias: Das stimmt, daran verdiene ich auch nichts. Das veranstalte ich, um auch mal sowas zu machen. In einem richtig guten Veranstaltungsraum mit richtig guter Technik. Da bleibt nichts bei über. Trotzdem habe ich den Anspruch, alle zu erreichen.

Danny: Wir machen ja auch kein Konzert exklusiv für Leute, die ab der Mittelschicht existieren. Es soll aber auch nicht unsere Aufgabe sein, die anderen zu uns zu ziehen. Wenn die Lust haben, sich das anzugucken, dann geben wir ihnen auch die Möglichkeit. Wer es sich nicht leisten kann, den laden wir ein. Das können auch 25 Leute pro Konzert sein, dafür haben wir immer Platz.

Matthias: Für mich ist das aber ein Argument für die unsäglichen Stadt- und Kinderfeste.

Danny: Dann sollen die Stadtfeste auch ’ne ordentliche Anlage da hinstellen. Denn die Kinder sollen auch ein ordentliches Konzert bekommen und nicht so, dass es klingt, als hätte man drei Dosen hintereinander gestellt.

Matthias: Deshalb finde ich es gut, wenn es Leute gibt, die so eine Position vertreten können. So wie ihr.

„Wir sind nicht sauer, wenn sich jemand die Musik illegal runterlädt“

Lukas:  Es ist ein Luxus, den wir uns erlauben, wenn wir sagen: Wir spielen nicht jedes Stadtfest.

Danny: Es war auch schon so, dass die Stadtfeste uns unbedingt haben wollten und gesagt haben: Okay, dann machen wir das jetzt so.

Matthias: Das ist ja toll, dann habt ihr was erreicht.

Lukas: Es gab aber auch schon den Fall, dass vorher gesagt wurde, ja, machen wir. Und dann mussten wir fast gehen, weil wir so nicht spielen konnten. Du verlässt dich ja darauf, dass das, was angefordert wird, auch da ist. Und wenn das nicht ernst genommen und mit Füßen getreten wird – wenn du auf einer windigen Bühne stehst, wo hinten die Verkleidung schon fast abfällt, dann kannst du auch nicht professionell rüberkommen. Ich verstehe aber, warum dir das Thema, alle Leute zu erreichen, wichtig ist. Ich weiß nicht, ob wir bewusst Leute ausschließen.

Matthias: Das wollte ich auch nicht sagen. Aber es bringt es vielleicht mit sich. Wenn die „Latte-Fraktion“, die es nicht stört, am Wochenende 100 Euro für das Familienevent auszugeben, das natürliche Potenzial ist, bleibt man natürlich in so einer Nische.

Lukas: Es geht ja zunächst darum, Musik zugänglich zu machen. Jeder kann uns finden, jeder kann sich unsere Musik besorgen und wir sind auch nicht sauer, wenn sich jemand die Musik illegal runterlädt. Das ist heutzutage einfach so. Wer sich da noch aufregt, hat nicht mitbekommen, wie sich die Musikindustrie in den letzten Jahren entwickelt hat.

Danny: Durch die ganzen Streaming-Sachen verlegalisiert sich das ja gerade wieder. Der

Download ist ja schon fast nicht mehr so relevant. Wir erleben es ganz oft, dass sich Leute kopierte CDs unterschreiben lassen …

Lukas: … gerade Eltern! Komm, brenn ich dir schnell. Ist doch logisch. Was ist denn das? Deine Freunde? Klingt gut. Ich habe schon auf CDs unterschieben, bei denen das Cover auf dem Schwarzweiß-Kopierer erstellt war.

Matthias: Nie sollst du so tief sinken und von dem Kakao, durch den man dich zieht, auch noch zu trinken.

Lukas: Da muss man drüberstehen.

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1 Antwort

  1. Ich denke, den meisten ist es gar nicht bewusst, dass auf Kinderkonzerten die gleiche Technik Ei gesetzt wird, damit es gut klingt, wie bei Erwachsenenkonzerten. Daher danke für die offenen Worte!

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