Das Private ist Politisch

– Ein Text von Suli Puschban –

Suli Puschban – Ihr Erfolgsrezept: Über die Lebenswelt der Kinder singen.

Kinderlieder, wo seid ihr?

Ich bin 1994 nach Berlin gezogen. Von Wien. Da war Österreich noch gar nicht in der EU, oder gerade eben. Weil mein Sozialarbeitsstudium nur teilweise anerkannt wurde, studierte ich nochmal und arbeitete als Honorarkraft an der damaligen Niederlausitz-Grundschule (heute Rosa-Parks-Grundschule) in Kreuzberg. Da begann mein Weg zur Kinderliedermacherin.

Als Kind hörte ich Schallplatten wie Winnetou, der Mäusesheriff, der kleine Lord und Pumuckl. Die Musik, die diese Geschichten begleitete, war keine Kindermusik, es waren keine expliziten Kinderlieder. Die ersten wirklichen Kinderlieder meines Lebens lernte ich in Berlin kennen: Drei Schallplatten vom GRIPS-Theater, denen natürlich Besuche meinerseits im renommierten Theater folgten. Das „moderne Kindertheater mit sozialkritischem Hintergrund“ existierte seit 1969 und brachte seither viele Stücke hervor, die um die Welt gingen. Ich wurde also von vornherein mit politischem Kinderlied beschallt: „Wer sagt, dass Mädchen dümmer sind?“, „Meine Eltern sind geschieden.“, „Meins oder Deins“. Die Liste der bewegenden Lieder dieses bahnbrechenden Theaters ist schier endlos. Von der „Linie Eins“ brauche ich gar nicht erst anzufangen: Auf der Suche nach einem Freund trifft eine Frau auf verschiedene Charaktere in der U-Bahn-Linie 1. Unvergessen für mich das Lied: „Du sitzt mir gegenüber und schaust an mir vorbei…“

Mein musikalischer Werdegang – von Kinderliedern keine Spur.

Vielleicht wäre ich nie näher mit Kindermusik in Kontakt gekommen, hätte nicht ein Lehrer der Niederlausitz-Grundschule zu mir gesagt: „Suli, ich kriege eine erste Klasse. Ich kann mit denen nicht singen, sie würden nachhaltige Schäden davon tragen. Kannst Du das nicht machen?“.

Mein eigener musikalischer Werdegang begann mit Bob Dylan, Neil Young, Joni Mitchell, Joan Baez etc.. „Peter Burschs Gitarrenbuch“ gewährte mir Eintritt in die Welt der Gitarrenakkorde und der Pickings. Ich übte und übte und irgendwann begann ich selbst Lieder zu schreiben – erst englisch, dann deutsch. Aber von Kinderliedern damals weit und breit keine Spur. Also begab ich mich auf die Suche nach Liedern und wurde fündig: Frederick Vahle, Robert Metcalf, überliefertes Material wie die „Tante aus Marokko“.

Unter Wasser – eine Reise beginnt.

Alsbald schrieb ich mein erstes Kinderlied: „Unter Wasser“ erzählte von einer Fantasiereise in Begleitung eines Delfins. Die Kinder liebten das Lied, obwohl es keinen Refrain enthielt und keineswegs in ‚einfacher‘ Sprache gehalten war. Ich hatte Lunte gerochen. Ich wusste, den Kindern hier in Kreuzberg kann man eine Menge zutrauen. Ich fing an über sie und ihre Lebenswelt zu schreiben. Ein Erfolgsrezept, bis heute. Beobachten, aufschreiben, vortragen. Oder wie Hanns-Dieter Hüsch sagte: „Sie brauchen nicht ins Kabarett kommen, Sie können gleich ins Foyer gehen!“

Für mich war klar: Kinder müssen nicht geschont werden. Selbstverständlich sollen Kinderlieder lustig sein. Es gibt nichts Schöneres als mit Kindern Lieder zu singen, bei denen sie sich vor Lachen biegen und vor Freude jauchzen. Aber ich bin eine überzeugte Verfechterin der Meinung, dass man Kinder von schwierigen Themen nicht fernhalten muss. Das Gegenteil ist der Fall. Sie lieben es sich mit wichtigen, aktuellen Themen zu beschäftigen, sind von einem klaren Verständnis für Gerechtigkeit beseelt und wollen – so wie Erwachsene auch – an der Gesellschaft teilnehmen, einen Beitrag leisten, gehört werden.

Suli Pushban rockt den Widerstand

Ein gutes Kinderlied – was soll das sein?

Gibt es nun bessere oder schlechtere Kinderlieder? Könnte man überhaupt so weit gehen und Qualitätskriterien festlegen? Ist ein gutes Kinderlied eines, das der Erfinderin und dem Publikum gefällt? Vielleicht findet der Diskurs über die »Qualität des Kinderliedes« auch auf ganz anderer Ebene statt: Schlager gegen Rockmusik, Inhalt gegen Form, handgemacht gegen Playback-gesungen, Friede-Freude-Eierkuchen gegen Wer-sagt-dass-Mädchen-dümmer-sind? Sofort schließt sich auch die Frage an: Kann ein Lied die Welt verändern?

Lieder halten der Gesellschaft den Spiegel vor.

Manche sind ganz klein wie ein Handspiegel, in anderen finden sich sehr viele Menschen wieder. Im Versuch sich in dieser komplexen Welt zu verorten, finden wir in Liedern Verbündete. Du kennst das Gefühl, dass ein Lied „für mich“ geschrieben wurde“. „Ja, genau so fühle ich mich auch. Genau so sehe auch ich die Welt.“ Das Liedgut der LiedermacherInnen filtert, vergrößert und macht sichtbar, was sowieso schon da ist. Mehr denn je könnte man heute unterschreiben, dass keiner „doof geboren ist, sondern doof gemacht wird“, denn unser Bildungssystem hält keineswegs gleiche Chancen für alle bereit.

Die Kinderliederlandschaft selbst ist wie ein Abbild der ‚großen‘ Musikindustrie. Es gibt große, erfolgreiche Acts bei denen viertausend Kinder und Erwachsene vor der Bühne hüpfen, es gibt kleine, feine, handgemachte Konzerte, bei denen die MusikerInnen den Kindern in die Augen sehen. Es gibt gutes Marketing und schlechtes. Erfolg ist relativ und an dem verdienten Geld nicht zu messen. So einfach ist das. Die MusikerInnen in meiner Band sehen es als Erfolg an, dass sie ausschließlich mit ihren Instrumenten ihren Unterhalt verdienen. Ich sehe es als Erfolg an, wenn ich ein Kind irgendwo auf einer Schaukel eines meiner Lieder singen höre oder sich die Erwachsenen bei der Einschulungsfeier der Rosa-Parks-Grundschule in Berlin die Tränchen aus den Augen tupfen, während wir gemeinsam unsere Vielfalt feiern und singen: „Rosa Parks bist du!“

Das Private ist politisch.

Mein Weg als Kinderliedermacherin setzte sich fort, meine Haltung als Feministin konnte ich nie hinten anstellen. Wollte ich auch nicht. Ob ich als Frau „Ich sehe aus wie Elvis“ sang und damit Haltung und Aussehen einer der größten Sänger der modernen Rock und Popmusik für mich reklamierte, oder ein Lied schrieb über Rosa Parks, die Bürgerrechtlerin, die 1955 im Bus nicht aufstehen wollte, ich blieb eben immer ich dabei. Das Private war für mich politisch, nicht erst seit ich Anfang der 90er in Wien im Notruf für vergewaltigte Frauen gearbeitet hatte. Der Klang der schallenden Ohrfeige in Familien durfte nicht ungehört bleiben. Wer ihren Nachhall vernimmt, muss handeln und sich einmischen.

Ich begann Konzerte zu spielen, produzierte CDs und lernte mehr und mehr KinderliedermacherInnen und ihre Lieder kennen. Ein roter Faden scheint sich durch das Oeuvre aller zu ziehen: Kinder stärken. Glaube an dich selbst, werde, die du bist, lebe deine Träume. All dies findet sich in Kinderliedern wieder.

Kaum Frauen, die mit Rock’n Roll den Widerstand üben.

Interessant ist dabei, dass die Kinderliedermacherei von Männern dominiert wird, quasi Pädagogik umgedreht. Wo in Schulen achtzig Prozent des Kollegiums aus Frauen besteht, ist es in der Kinderliederlandschaft genau anders herum. Die Frauen sind deutlich in der Minderheit und welche, die mit einer Band auch auf den Rock’n-Roll-Putz hauen, sowieso. Es scheint eher als hätten die Kinderliedermacherinnen die Sanftheit und das Verbindende im Blick und weniger den Widerstand gegen den Ist-Zustand, die Emanzipation und das trotzige „Ich will aber auch!“. Die männlichen Kollegen eignen sich für meinen Geschmack viel zu selten die weibliche Perspektive an. Ist es nicht auch die Pflicht eines Künstlers sich auf die Seite der Benachteiligten zu stellen, statt immer nur von „Piraten“ zu singen? Oder ist es am Ende immer nur Betroffenheit, die bewegt?

Lilifee kommt zum Tee.

Im Glashaus meines Gartens schrieb ich der Ikone der mädchenhaften Bravheit, nämlich Lilifee, der Prinzessin selbst, eine neue Geschichte auf den Leib: Ich phantasierte über ein Treffen mit ihr beim 5-Uhr-Tee. Was würde sie mir sagen? Wie sähe sie ihre rosa Einheits-Welt? Ihre Antwort: „Ich hab die Schnauze voll von rosa!“ Lilifee würde mir aufstampfend mitteilen, dass sie nun endgültig genug hätte von dem rollenkonformen Verhalten und in weiterer Folge Physik und Mathe studieren würde. „Blöd bin ich nämlich nicht!“

Ich werde nie vergessen wie mir in der Frankfurter Oper nach einem fulminanten Konzert mit Kollegen, bei dem wir genau dieses Lied spielten, mindestens zehn Mütter im Foyer nacheinander auf die Schulter klopften und Dinge sagten wie: „Endlich sagt es mal jemand!“, „Du hast ja so recht!“ und „Danke, danke, danke!“. Ich bin also nicht allein, obwohl ich mir sicher bin, dass meine Lieder bei einigen doch ein Kopfschütteln verursachen. Das soll Kindermusik sein? Zumal die Absage eines großen Musikkonzerns meine letzte Scheibe herauszubringen ähnlich klang: „Die Musik ist toll! Wir glauben aber nicht, dass sich diese CD bundesweit verkaufen lässt.“ Aha. Sind die Berge in Bayern zu hoch und die Halligen zu weit draußen?

Ich halt’s mit Pipi Langstrumpf und mach was mir gefällt!

Ein Schielen nach dem, was sich gut verkaufen lässt, fällt aus. Ich schreibe Lieder, die ich selber gerne singe, die kleine Kratzbürsten sind oder große Hymnen. „Ich mach jetzt was ich will!“ bleibt mein Motto, in jedem steckt was Gutes, man muss es nur finden.

Der Zustand unserer Gesellschaft zum momentanen Zeitpunkt zeigt, dass wir mehr denn je lernen und üben sollten an der Streitkultur festzuhalten, kontrovers zu diskutieren, zu protestieren und an den Werten des Miteinanders festhalten müssen. „Trau dich, trau dich!“, riefen damals die Grips-Leute den 5-Jährigen zu. Das hat sich bis heute nicht geändert. Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt. Verstehste?!

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sulipuschban.de

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2 Antworten

  1. Annette Kehr Annette Kehr sagt:

    Kinderlieder können Phantasie,Motorik und Sprache anregen und verbessern.Wie immer zählt auch das gemeinsame singen!Sie können trösten und Mut machen.Können auf Gefahren hinweisen und Freundschaft erklären.Ich liebe sie….

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