42 – Die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest (Teil 1)

– Ein Protokoll von Anders Orth (Lila Lindwurm) –

Kinderliedermacher Geraldino berichtet von seinem in mehrfacher Hinsicht schweißtreibenden Auftritt.

Kinderliedermacher Geraldino berichtet von seinem in mehrfacher Hinsicht schweißtreibenden Auftritt.

Wofür mache ich das eigentlich alles? Auch für die spezielle, kleine, aber glücklicherweise keineswegs vom Aussterben bedrohte Spezies der KinderliedermacherInnen stellt sich von Zeit zu Zeit diese essenzielle Frage. Diesmal begann alles in Görlitz – die Filmstadt, das Juwel des Ostens, und unserer Kollege Geraldino durfte dort im Rahmen des ersten Oberlausitzer Kindermusikfestivals von kindermusik.de spielen.

„Ich durfte meine Requisiten und Instrumente, CDs und Klamotten, Kabel, DI-Boxen und Bücher in den gefühlt 18. Stock eines hübsch restaurierten Schulhauses schleppen, zum Glück halfen auch ein paar Kinder mit, denn es gab keinen Aufzug und kurz vor Ende der Erdatmosphäre befand sich dann endlich die Aula, ein schöner Raum, wie man an den Bildern sieht. Geschmackvoll dekoriert, mit dem Bühnenbild des letzten Schulmusicals.

Der Ton kam aus der Hausanlage und war super, was an dem überqualifizierten Musiker lag, der an den Knöpfen drehte. Die Kinder waren sehr begeisterungsfähig und lieb, die Lehrer eher distanziert bis sympathisch interessiert, mit kleinen Nuancen in die eine oder andere Richtung. Nur die Toilette war im Keller, was ich fünf Minuten vor Spielbeginn natürlich nicht wusste und so kam es, dass ich mit einer gefühlten Stunde Verspätung und körperlichen Erschöpfung atemlos zu spielen begann.

Der Auftritt war schweißtreibend, aber auch sehr schön, ich gab alles und bin nach einer Stunde glücklich und schweißgebadet in die Umkleide gerobbt.“

„Nun fragt man sich, warum macht man so was?“

Soweit so gut! Genau dies war ja der Sinn des Treffens des KinderliedermacherInnen Netzwerks kindermusik.de in der Oberlausitz (Kinderlieder – Das Magazin berichtete). Es sollte eben nicht nur ein Treffen zum Kennenlernen und zur Vertiefung von – davon kann man oft schon sprechen –  Freundschaften sein, sondern es sollte auch „Musik für Kinder“ in die Welt (in diesem Fall in den Osten Deutschlands) getragen werden.

Es gab viele Konzerte mit vielen Kinderliedermacherinnen und Kinderliedermachern und eine Zusammenarbeit mit Chören, Tanzgruppen, Förderschulen und Schulen. Das alles wurde nicht zuletzt dadurch möglich gemacht, dass alle auf eine Gage verzichteten. Nun könnte man sagen: Mission erfüllt! Aber wenn man selber viel Enthusiasmus und Engagement reinsteckt, wird die Erwartungshaltung auch größer. Deshalb berichtet Geraldino mit einem Augenzwinkern weiter:

„Nun fragt man sich, warum macht man so was? In der Hoffnung, dass die Lehrer einen in den nächsten zehn Jahren für gute Gage engagieren? Will man seine zufällig in der hintersten Reihe sitzenden Kollegen beeindrucken, oder möchte man mal wieder seiner Freundin zeigen, dass man es immer noch schafft, sie nach 30 Jahren des Zusammenseins zum Lachen zu bringen?

„Kein ‚Danke’ zum emotionalen Aufbau der Jugend des Ostens – nichts!

Keine Zeitungskritik, kein lobendes Wort eines Pädagogen, kein „Danke“ zum emotionalen Aufbau der Jugend des Ostens, keine lärmenden Nazis – nichts! Nicht mal ein entrüsteter Schulleiter oder meckernder Hausmeister, der einen auffordert, die Schuhe auszuziehen – nichts! Nur eine mir wohl bekannte Festivalorganisatorin schenkte mir ein Lächeln und fragte, wie es gewesen sei.“

Geraldinos Konzertbeschreibung löste mitfühlende Reaktionen bei den KollegInnen aus.

Geraldinos Konzertbeschreibung löste mitfühlende Reaktionen bei den KollegInnen aus.

Diese Mail von Geraldino löste dann einige mitfühlende Reaktionen der KollegInnen aus. Viele machen diesen anstrengenden, aber auch unendlich erfüllenden „Job“ schon seit Jahrzehnten und haben halt einen reichen Erfahrungsschatz. Diese Reaktionen zeigen – meiner Meinung nach – sehr erhellend auf, wie sich das Musizieren für Kinder von der des „normalen“ Singer/Songwriters unterscheidet. Auch wenn sich dort natürlich auch oft die Frage nach dem „Warum“ stellt. Wie wohl bei jedem anderen Beruf auch.

Folgt uns doch einfach mal in die Welt der Kinderliedermacher. Ich finde, es lohnt sich!

„Ich empfehle einen Dimensionssprung in ein Paralleluniversum“

Als erste Reaktion auf die, ja eher auch etwas flapsig gemeinte Mail von Geraldino, folgte eine Vision von Matthias Meyer-Göllner, der aufzeigt, wie es auch laufen könnte:

„Ich empfehle da einen Dimensionssprung: So ungefähr vier oder fünf Dimensionen weiter existiert ein Paralleluniversum, in dem ist am Freitag Folgendes passiert: Du wurdest dort schon am frühen Morgen von einem sechsköpfigen Team empfangen, wobei drei Leute dafür zuständig waren, dein Equipment in die Aula im Dachgeschoss zu tragen und dort aufzubauen.

Du hattest auch gar keine Zeit dazu, denn du musstest dich erst mal um das üppige Champagner-Frühstück kümmern, das der Elternverein für dich vorbereitet hatte. Außerdem warteten noch Pressevertreter, MDR, ZDF und NTV auf dich, um vor dem Konzert schon zu berichten. Deswegen konntest du auch nur kurz im Workshop vorbeischauen, der aber im übrigen die Kinder auch ohne dich von den vier Lehrkräften gut auf den Auftritt vorbereitete.

Das Konzert war dann ein Triumph: Die Liveübertragung beim MDR hatte die höchsten Einschaltquoten, sodass CD-Verkäufe und Downloads schon während der Veranstaltung spürbar in die Höhe geschnellt sind. Die Autogrammstunde im Anschluss drohte auszuufern, als auch die Kinder der anderen Görlitzer Schulen in die Aula der Innenstadtschule strömten. Deswegen musstest du die nach 90 Minuten abbrechen.

Der Hauptsponsor der Veranstaltung war aber von deinem Einsatz so begeistert, dass er beim anschließenden gemeinsamen Mittagessen im Görlitzer Hof deine Gage von 800 auf 1000 Euro aufgestockt hat. Dafür hast du ihm netterweise auch noch ein Autogramm für seine Nichte mitgegeben.“

„So ein Dimensionssprung kann auch nach hinten losgehen“

Ja, so könnte es auch laufen. Wobei Matthias aber auch direkt vor den Gefahren warnt:

„Okay, du willst wissen, wie du so einen Dimensionssprung hinbekommst? Leider ist es unmöglich, von einem Paralleluniversum ins andere zu wechseln, es sei denn, du besorgst dir einen Zeitumkehrer (siehe „Harry Potter und das verwunschene Kind“), reist in die Vergangenheit und stellst dort die Weichen anders. Aber pass auf: Das kann auch nach hinten losgehen.

 

"Soll ich weiter Kindermusik machen?" - Diese Frage bejaht nicht nur Geraldino, sondern auch viele seiner Kollegen.

„Soll ich weiter Kindermusik machen?“ – Diese Frage bejaht nicht nur Geraldino, sondern auch viele seiner Kollegen.

Wenn du nicht aufpasst, landest du in der falschen Dimension und in der haben alle Kinder bunte Luftballons in der Hand mit denen sie weder klatschen, noch dich sehen können. Oder es steht dann plötzlich Henry Valentino auf der Bühne und behauptet, der Wähwäh-Song wär von ihm. Oder du stehst alleine auf der Bühne, nur zwei Kinder kommen irgendwann vorbei, sehen dich und sagen ‚Voll der Opa!’ und gehen wieder.Vielleicht muss man doch zufrieden sein damit, wie es ist …“

So wird es wohl sein, beziehungsweise wie Suli Puschban dann kommentierte:

„Mein neuester knackiger Refrain lautet: ‚Es gibt keine bessere Welt als diese – es gibt keine bessere Welt!’ – machen wir was draus!“

„Das war ein herber Rückschlag und ich wollte direkt wieder gehen“

Wobei Suli dann auch noch den „normalen“ Alltag der „Musikvermittlung“ präsentierte:

„Ich kam hier gestern illuminiert von zwei Konzerten mit den Helden der Kindermusik Großmeister Robert, die schnelle-Hand-Markus und King Klaus in der Schule in Kreuzberg an und begann, begeistert mit der Pinguin-Klasse ‚Ich bin anders als du’ zu singen, die weder das Klatschen noch das Singen noch den Inhalt geschnallt haben, eingelullt von einer Woche Ferien, die sie entweder im Schrank oder vor dem Fernseher verbracht haben. (Ich war zum Glück mit Euch in Sachsen #KulturFörderungFürAlle)

Das war ein herber Rückschlag und ich wollte direkt wieder gehen. Zum Glück haben es die Tintenfische wieder rausgerissen und gezeigt, was eine Singharke ist. Maha kommentierte mit: ‚Das ist ja rückwärts!’ Gut erkannt: ich du er sie – sie er du ich. Meine Herren!

 Ich kann nur sagen:

‚Mama???’
‚Jaaa!’
‚Die Kinder checken das mit dem Klatschen nicht.’
‚Ooooohhh …’
‚Soll ich weiter Kindermusik machen?’
‚Nein!’
‚Mach ich aber trotzdem!!!!’“

„Wir retten die Welt und sind Helden – jeden Tag neu!“

Und Catharina Caspar (Hexe Knickebein) meinte gar, dass die Welt stillstehen würde ohne Kindermusik:

„Weißt du Geraldino, die Welt dreht sich nicht von alleine. Nein, wir kleinen Arbeitsbienchen sorgen dafür. Und wenn wir nur das kleinste bisschen nachlassen, geht alles den Bach runter. Deshalb machen wir das. Wir retten die Welt und sind Helden. Nicht nur für einen Tag. Nein! Jeden Tag neu!“

Welch tröstlicher Gedanke und das nicht nur für uns KindermusikerInnen.

Welche Dimensionen bei der Frage nach dem Sinn ihrer Arbeit bei den Kinderliedermachern noch aufgetaucht sind und was sich hinter der ominösen 42 im Titel verbirgt, erfahrt ihr nächsten Mittwoch im 2. Teil unserer kleinen Reise in die Welt der Kindermusiker.

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1 Antwort

  1. Frank Korf Frank Korf sagt:

    Irgendwie kam mir bei Euren Schilderungen „Konzert für unsere Nachbarn“ von der Pia-Nino-Band in den Sinn wo sich die scheinbar begeisterte Fangemeinde als ziemlich wütende Meute entpuppt die sich über den Lärm beschwert. 🙂

    Aber auf jeden Fall Danke für’s Welt-retten!

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