Kinderlied und Wertschätzung (3) – Die Entstehung der Kindheit

In fünf Etappen nimmt uns der Kinderliedermacher Unmada mit auf eine Reise durch das Kinderlied im Wandel der Zeit.

– Ein Text von Unmada Manfred Kindel –

Was hat die Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert mit der Kindheit zu tun? Für den US-amerikanischen Medienwissenschaftler Neil Postmann war klar, dass mit dem Buchdruck auch eine Wissenskluft entstand. Sie teilte die Menschen ein in Leser und Schreiber auf der einen Seite, sowie Analphabeten auf der anderen Seite. Und da Kinder naturgemäß noch nicht lesen können, mussten sie von nun an zu Erwachsenen werden: Das Phänomen Kindheit entstand.

Martin Luther: der erste Kinderliedermacher Deutschlands?

Kinderchor

Kinderchor

Fast ein Jahrhundert später kamen dann mit der Reformation neue Lieder in die Kirchen. Die ausschließlich lateinische Liturgie wurde ersetzt durch neue deutsche Gesänge und Lieder. Martin Luther (1483-1546) erkannte in dem eben angesprochenen kindlichen Gemüt der einfachen Leute auch einen Zugang zu ihrer Religiosität und so schrieb er bewusst die ersten „Kinderlieder“ – und nannte sie auch so. Ein Novum.

„Vom Himmel hoch da komm ich her,
Ich bring euch gute neue Mär.
Der guten Mär bring ich so viel,
Davon ich singen und sagen will.“

Dieses bekannte Weihnachtslied nannte Luther „Ein Kinderlied auf die Weihnacht Christi“ und er bemüht sich darin um eine einfache kindgerechte Sprache und Bilderwelt.

Interessanterweise stellt er in diesem Lied den Engel, der die gute Nachricht bringt, in die Tradition derer, die durch „Singen und Sagen“ über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende hinweg uraltes Kulturgut und neueste Nachrichten mündlich überliefert haben: die fahrenden Leute, die Volks- und Minnesänger, Geschichtenerzähler und Straßenmusikanten.

Kinder als kleine Werbeträger der Reformation

Luther nutzte die ungebrochene Tradition mündlicher Überlieferung bei den Kindern seiner Zeit und machte sie durch die Lieder, die sich unter ihnen rasch verbreiteten, zu kleinen Botschaftern, heute würde man sagen zu Werbeträgern für die Reformation.

Luther führte auch eine Besonderheit des Kinderlieds ein: den Diminutiv, die verniedlichende, verkleinernde Wortform als Stilmittel. In seinem Weihnachtslied heißt es in der 7. Strophe:

„Merck auff mein hertz und sihe dort hin/
Was liegt dort in dem Krippelin/
Wer ist das schöne Kindelin?/
Es ist das liebe Jhesulin.“

Die Verniedlichung entspringt der Ammensprache und wird mit kindgerecht gleichgesetzt. Bis in das 21. Jahrhundert hinein finden wir in Kinderliedern und literarischen Texten für Kinder dieses Stilmittel der Verkleinerung. Wie bei dem Gebrauch von Kosenamen, die ja auch oft mit „lein“ oder „chen“ enden, soll das Kleine im Kinderlied das Herz öffnen. Der Kinderliederautor Fredrik Vahle spricht von einem „Herzlichkeitssignal“.

Das 18. Jahrhundert – Moralisten und Kinderfreunde

Der geistige Entdecker der Kindheit und seine Erben

Jean-Jacques Rousseau (1712–1778), Naturphilosoph, Pädagoge und Schriftsteller, formuliert erstmals das Idealbild vom autonomen, verantwortungsbewussten Individuum, das vor allem durch eine naturnahe Erziehung des Menschen verwirklicht werden soll. Er schreibt selbst Singspiele für Kinder und kritisiert einen unreflektierten Umgang mit Kinderliedgut.

Wichtiger als seine Werke für Kinder ist aber der enorme Einfluss seiner Lehren auf jüngere Zeitgenossen wie Johann Heinrich Pestalozzi (1746–1827), Immanuel Kant (1724–1804), Friedrich Schiller (1759–1805), Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) und Johann Gottfried Herder (1744–1803), der 1773 eine umfangreiche Volksliedsammlung anlegt.

Die Moralapostel oder der Ursprung des pädagogischen Zeigefingers

Wenig herzlich ging es bei den Kinderliedermachern der Aufklärung, den Rationalisten im 18. Jahrhundert zu. Sie funktionalisierten das Kinderlied und machten es zum Mittel einer Erziehung, die eng, streng und moralisch war. Die Verkleinerungsform verschwand bei ihnen weitgehend.

Christian Felix Weiße (1726-1804) schrieb das Lied „Das Glück eines Kindes“:

„Wenn ich artig bin,
und ohn’ Eigensinn
Thue, was ich soll.
O! wie ist mir wohl.
Mich lobt der Papa,
mich liebt die Mama,
Alles freuet sich,
lobt und liebet mich.“

Der oft bemühte „pädagogische Zeigefinger“, dem wir auch heute noch im Kinderlied begegnen können, hat hier seinen Ursprung. Allerdings auch die Erkenntnis, dass die Pädagogik die Aufgabe hat, Kinder zu orientieren und ihnen den Unterschied von „gut“ und „böse“ zu vermitteln. Wobei sich das Verständnis davon natürlich stetig wandelt.

Es ist anzunehmen, dass Dichter und Denker Gottfried Herder ein „Erziehungsopfer“ der gerade beschriebenen Moralisten und Rationalisten war. Er schrieb: „Mein Gott! Wie trocken und dürre stellen sich doch manche Leute die Seele eines Kindes vor!“

Der Kinderfreund

Eines unserer schönsten Kinderlieder verdanken wir einem wahren Kinderfreund, dem Rechtsanwalt, Dichter und späteren Oberbürgermeister von Lübeck Christian Adolf Overbeck (1755–1821).

In seiner Liedsammlung „Fritzchens Lieder“ aus dem Jahr 1781 befindet sich das Lied „An den Mai“, das vor allem durch die Vertonung von Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) in dessen Todesjahr mit seiner ersten Zeile „Komm, lieber Mai und mache“ berühmt wurde.

Es sind leider drei Strophen des Originals der Selbstzensur Overbecks zum Opfer gefallen. Gerade diese Strophen zeigen seine Perspektivübernahme des Kindes, so lautete die zweite Strophe ursprünglich:

„In unserer Kinderstube wird mir die Zeit so lang;
Bald werd ich armer Bube für Ungedult noch krank.
Auch bey den kurzen Tagen muß ich mich oben drein
Mit den Vokabeln plagen, und immer fleißig sein.“

Zensur und Selbstzensur spielten und spielen beim Veröffentlichen von Kinderliedern eine große Rolle. Das, was von Erwachsenen als gut für die Kinder empfunden wird, entspricht nicht immer dem, was die Kinder gut finden.

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