Das Sting-Erlebnis: Warum wir unsere Songs lieben

– Ein Text von Matthias Meyer-Göllner –

"Immer da, immer wahr": Das "Schweinelied" von Frederik Vahle

„Immer da, immer wahr“: Das „Schweinelied“ von Frederik Vahle

Kinderlieder bewegen sich irgendwo zwischen Botschaft und Selbstliebe. Wer Kinderlieder schreibt, hat oft etwas zu sagen und liebt seine Lieder, wenn diese Message auch ankommt und vom Publikum ebenfalls geliebt wird. Trotzdem fällt es vielen Autoren und Autorinnen schwer zu entscheiden, welches ihr allerschönstes Lied ist. Wir haben trotzdem versucht, genau das herauszufinden.

Das Sting-Erlebnis: Als der Weltpopstar eines Tages an einer Baustelle vorbeikam, hörte er einen Bauarbeiter aus voller Kehle singen: „Rooooxanne!“ In dem Moment habe er gewusst, warum er Musiker sei und Songs schreibe. Und das macht vielleicht einen unserer vielen geliebten Songs zu unserem Lieblingssong.

So jedenfalls ging es Stephen Janetzko, aus Erlangen als er vor Kurzem im Supermarkt beim Einkaufen einer Mutter mit ihrem Kind begegnete. Das Kind summte die ganze Zeit die Melodie von seinem „Augen, Ohren, Nase“ und das erfüllte ihn mit einer gewissen Ehrfurcht. Denn kurz zuvor hatte er bei den Gesprächen zur Entstehung dieses Artikels behauptet, sich zwischen einer größeren Zahl von eigenen Liedern nicht entscheiden zu können:

„In der Tat ist es wie mit den Kindern. Aber es geht nicht einmal um ungerechte Behandlung, wir haben ja fünf Kinder, daher wenn Du mich fragst, welches mein Lieblingskind sei, ich könnte es genauso wenig beantworten, weil sie alle so verschieden sind …“

Das Sting Erlebnis: Wichtiges Kriterium oder Fluch?
"Augen, Ohren, Nase"

„Augen, Ohren, Nase“

Da die wenigsten von uns als Kinderliedermacher im Elfenbeintürmchen des Künstlers fern der Welt unsere Lieder entstehen lassen, nur der Kunst verpflichtet, ohne geringstes Interesse daran, ob sie die Menschen erreichen, wird das „Rooooxanne“-Erlebnis immer ein wichtiges Kriterium sein. Allerdings kann das auch zum Fluch werden.

„Erstmal liegt nahe, dass man sein bestes, sein populärstes Lied ansetzt, schließlich ist das dann dieses, das die Leute am ehesten angenommen haben“, so beginnt Ferri aus Frankfurt seine Schilderung dieses Dilemmas. „Bei mir ist das der „Gummibär“, aber den finde ich bei weitem nicht mein bestes. Die Sachen, die ich selbst richtig gut finde, sind sprachlich und manchmal auch musikalisch sehr an der Grenze zu dem, was man noch als Kinderlied bezeichnen kann.

Ich finde zwar durchaus, dass man Kinder mit einem anspruchsvollen Niveau konfrontieren soll und muss. Aber das beste Lied wäre dann das, das beide Ansprüche erfüllt. Also sowohl ein Publikumsrenner ist, als auch den eigenen Qualitätskriterien voll entspricht.“ Und erst auf beharrliches Nachhaken hin will er da zugeben, dass es in seinem Schaffen ein Lied gibt, das diese Kriterien erfüllt: „Der Schakal“.

„Ein modernes Kinderlied, das das Zeug zum Klassiker hat“

Weniger Probleme, einen entsprechenden Song auszusuchen, hat da Suli Puschban aus Berlin. Sie knüpft an ihren besten Song „Ich hab die Schnauze voll von Rosa“ auch eine politische Dimension: „Es ist ein freches, witziges, überraschendes, feministisches Lied (mit einem Hauch Kapitalismus-Kritik, ha!!) mit einer anständigen Refrain-Hookline, die man nach einmal hören mitsingen kann. Mit Band gespielt ist es eine absolute Tanznummer, die aber auch nicht vor einem ruhigen »Wir singen mit Gefühl«-Refrain zurückschreckt. Inhalt, Melodie und Darreichungsform, ob solo oder mit Band, ob nur Audio oder als Video, passen einfach perfekt zusammen: ein modernes Kinderlied, das das Zeug zum Klassiker hat!“

Lieben denn die Kollegen, die das Glück hatten, einen Klassiker zu schaffen, ihre Songs noch? Hermann van Veen hat einige Zeit lang den „Kleinen Fratz“ nicht mehr gespielt, Begründung: „So wird man das Schlachtopfer des eigenen Erfolgs!“ Und ob Rolf Zuckowski die „Weihnachtsbäckerei“ noch hören mag?

Wolfgang Hering aus Groß-Gerau hat damit offensichtlich keine Probleme, denn die Liste seiner Lieblingslieder umfasst sicher die, die zumindest an der Schwelle zum Kinderliederklassiker stehen, auf der Didacta kann die vermutlich jeder summen:  .

Die Entscheidung fällt vielen nicht leicht
"Ich hab die Schnauze voll von Rosa"

„Ich hab die Schnauze voll von Rosa“

Während Wolfgang also eine klare Hierarchie benennen kann, fällt das dem großen Klaus von den Löffelpiraten aus Bielefeld wesentlich schwerer. Er schwankt zwischen fünf Titeln, schließlich scheint das gefühlvolle Element das Zünglein an der Waage zu sein:

„Melodisch, verträumt, Fernweh-Message, toll arrangiert, sowohl in der schlichten wie auch in der fünf Piratenspielfassung …“ Die Rede ist von „Panama“, das er aber ebenso schön findet wie „10 Piratenkinder“ oder das „Bärenlied“ und das preisgekrönte „Kinder, Kinder, ne“. Und das „Schweinelied“ ist gar nicht von ihm, trotzdem:

„Eines meiner Lieblingslieder, hat Frederik Vahle geschrieben – schon vor langer Zeit, der wiederum  hat es nur aufgeschrieben,  von Kindern aus England, die es erfunden haben. Wir haben es fetzig neu arrangiert. Ich singe es sehr gerne, es ist so etwas wie das „Alle meine Entchen“ für mich – immer da, immer wahr …“

„Lustige Mitmachidee, aufwendig arrangiert und mit tollen Kindern eingesungen“

Die Entscheidung fällt auch anderen Kollegen nicht ganz leicht. Wobei Cattu aus Berlin immerhin zwei Favoriten benennen kann, die unterschiedliche Saiten in ihm (und auch seinem Publikum) zum Klingen bringen: Da gibt es einerseits „Ich guck‘ so gern in fremde Töpfe“, „weil lustige Mitmachidee, weil aufwendig arrangiert und mit tollen Kindern eingesungen,  außerdem eine ziemlich coole Einlage mit echten Töpfen … Und, mit dem Titel bin ich beinahe Erster beim Geraldino-Kindermusikfestival geworden.“

Mit dem „Ich bin der Mond“  outet sich der Songschreiber als Romantiker: „Dieses Lied ist entstanden in einer wunderschönen Nacht, bei Neumond, mit Blick von einer Dachterrasse über die Dächer Berlins. Kein echtes Kinderlied im eigentlichen Sinn, aber ein sehr intimer und schöner Moment. In 30 Minuten geschrieben, ohne viel Gebastel …“

Fortsetzung folgt

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2 Antworten

  1. Hey Matthias Meyer-Göllner – vielleicht solltest Du oben im Text noch ergänzen, dass der Bauarbeiter „Rooooxanne“ sang – es steht zwar weiter unten, aber oben macht es dann auch nochmal mehr Sinn – beste Grüße 😉

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