Ist das Kunst oder doch nur Handwerk? Von Kindermusik, Kultur und Kollegen

– Ein Gespräch mit Astrid Hauke, Gerd Grashaußer und Matthias Meyer-Göllner –

Die Kinderliedermacher Matthias Meyer-Göllner, Gerd Grashaußer und Astrid Hauke (v.l.n.r)

Die Kinderliedermacher Matthias Meyer-Göllner, Gerd Grashaußer und Astrid Hauke (v.l.n.r)

Im Rahmen des „Tag des Kinderliedes 2016“ fanden die beteiligten Lieselotte Quetschkommode alias Astrid Hauke, Geraldino alias Gerd Grashaußer und Matthias Meyer-Göllner auch Zeit für Gespräche rund ums Kinderlied. Dabei ging es auch um das Selbstverständnis als Künstler in der Kindermusik und natürlich um aktuelle Entwicklungen in der Szene. Was die drei zum Beispiel vom Hype um „Deine Freunde“ halten, haben sie sich gegenseitig im Gespräch verraten. Im ersten Teil gehen sie auch der Frage nach, was eigentlich hinter der Behauptung „gut produziert“ steckt.

Matthias: Kinderlieder machen ist doch eigentlich keine Kunst, sondern bestenfalls Kunsthandwerk. Und ein Kinderliedermacher ist doch eigentlich gar kein Künstler. Oder?

Geraldino: Es kommt darauf an. Ich verstehe mich schon als Künstler. Ich schreibe eigene Lieder, denke mir Geschichten aus, gestalte Bühnenbilder. Ich mache momentan Objekte zu meinen Liedern, die ich ausstelle, und führe Kinder musikalisch durch diese Ausstellungen. Ich bin Künstler.

Matthias: Ist das das Entscheidende, dass man sagt: Ich bin Künstler?

Geraldino: Wenn man etwas macht, das dem eigenen Geist entspringt, dann ist man Künstler. Ich bin ja auch in der Künstlersozialkasse. (alle lachen)

„Kunst ist Leiden“

Matthias: Da sind ja auch Webdesigner drin, die sich nicht unbedingt als Künstler bezeichnen würden.

Geraldino: Was ist denn deiner Meinung nach ein Künstler?

Matthias: Ein Künstler leidet und Kunst ist Leiden.

Geraldino: Das kann ich gut. Ich bin manchmal sehr melancholisch, schlecht gelaunt und vom Weltschmerz getroffen.

Astrid: Aber das ist nicht Inhalt deiner Lieder.

Geraldino: Das ist meine Persönlichkeit. Ich leide gern.

Astrid: Nach der Definition von Matthias müsste das Inhalt der Lieder sein, weil das die Definition von Kunst ist aus deiner Sicht?

Geraldino: Wenn aus den eigenen Gedanken etwas entspringt, dann ist es Kunst. Egal ob es ein Bild ist, eine Geschichte oder ein Lied.

Astrid: Dann ist ja jeder Mensch im Prinzip ein Künstler.

„Ich glaube, dass Kunst kein Handwerk ist“

Geraldino: Joseph Beuys hat das auch gesagt: Jeder Mensch ist ein Künstler. Und es gibt eben gute und schlechte. (alle Lachen)

Astrid: Und es gibt nette und unsympathische oder wie?

Geraldino: Das auch.

LIeselotte Quetschkommode alias Astrid Hauke

LIeselotte Quetschkommode alias Astrid Hauke

Astrid: Ich glaube, dass Kunst kein Handwerk ist. Wenn sie das wäre, würde bei jedem das gleich rauskommen. Wie bei einem Tischler, der nach vorgefertigten Maßen zimmert. Wir haben zwar die gleichen Grundvoraussetzungen – Körper, die atmen und ein Instrument, das wir spielen – bei uns kommen aber unterschiedliche Lieder raus.

Geraldino: Wenn man Eigenes schafft, dann ist es Kunst. Wenn man etwas reproduziert, dann ist es Handwerk.

Matthias: Aber was ist denn eigenes Schaffen? Eigentlich sind alle Tonfolgen schon komponiert, alle Textideen verwirklicht und keiner von uns macht wirklich etwas Neues. Wir sammeln uns etwas zusammen aus dem, was existiert und schrauben daraus unsere Lieder. Keiner von uns setzt ja bei der Weiterentwicklung der Zwölftonmusik oder des Dada an.

Astrid: Ist das nicht genau die Kunst? Ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich die Welt neu erfinde mit Kinderliedern, sondern das wiederzugeben, was da ist und es zu kanalisieren. Ich habe das Gefühl, dass das auch bei vielen Kollegen so ist. Und ich glaube, das ist Kunst: Offen zu sein für das, was da ist und dem eine Form, einen Klang, eine Geschichte zu geben.

„Wenn es ein gutes Lied ist, ist es große Kunst – wenn es nicht so gut ist, kleine Kunst“

Matthias: Rolf Zuckowski hat einmal gesagt, er sammele das, was in der Luft hängt auf und sei eigentlich nur Medium, durch den ein Lied in die Welt komme.

Geraldino: Das hat David Bowie auch mal gesagt! Lieder kommen zu ihm und er ist ein Medium und gibt sie wieder von sich. Und das passiert mir auch: Dass ich eine Eingebung habe und dann kommt ein Lied rausgesprudelt. Und wenn es ein gutes Lied ist, ist es große Kunst und wenn es nicht so gut ist, ist es kleine Kunst.

Matthias: Daher der Name Kleinkunst. (alle lachen)

Astrid: So empfinde ich das auch. Ein bisschen wie ein Magnet. Es gibt Zeiten, da fällt mir ganz viel zu. Und dann gibt es Zeiten, da möchte ich gerne, aber es fällt mir sehr schwer. Erst, wenn ich meine feste Vorstellung loslasse, wird es wieder leicht. Ich glaube, die Kunst hängt damit zusammen, wie offen wir sind.

Matthias: Es gehört doch aber zum Künstler auch eine gewisse Unnahbarkeit. Und diese Unnahbarkeit ist doch das genaue Gegenteil von dem, was wir machen. Für uns gehört doch die Kontaktaufnahme zum Beruf.

Geraldino: Das ist eine andere Kunstform. Ich würde Unnahbarkeit nicht als Voraussetzung für das Künstlerdasein sehen.

„Kunst will ja auch bewundert werden“

Astrid: Was soll das überhaupt heißen? Soll das eine Charaktereigenschaft sein?

Matthias: Kunst will ja auch bewundert werden. Dafür nimmst du einiges auf dich: Um dir ein bestimmtes Bild anzugucken oder ein spezielles Konzert anzusehen. Aber es ist schwierig, jemanden zu bewundern, der dein Kumpel ist. Da muss es ein gewisses Gefälle geben.

Geraldino alias Gerd Graßhauser

Geraldino alias Gerd Graßhauser

Geraldino: Echt? Nee.

Astrid: Für mich steht das „Bewundern“ überhaupt nicht im Fokus. Es geht mir nicht darum, für andere interessant zu sein, sondern ich interessiere mich für die anderen. Und ich bewundere hauptsächlich die Musikerkollegen, die sich für ihr Publikum interessieren. Das ist für mich die höchste Kunst. Bewundernswert finde ich, wenn der Austausch mit den Menschen gelingt.

Matthias: Es gibt zum Beispiel sogenannte Autorenbegegnungen. Für viele Autoren ist es total ungewohnt, ihrem Publikum zu begegnen und sie haben eine gewisse Scheu. Deswegen werden ja diese Zusammentreffen überhaupt gemacht. Für uns ist das etwas selbstverständliches, darüber haben wir uns entwickelt. Über Kontakte und Mitmachkonzerte. Das sind unsere Grundideen.

„Kunst hat etwas Elitäres. Kultur kann sehr bodenständig sein“

Geraldino: Vielleicht ist die Bezeichnung Kunst etwas zu hoch gegriffen. Ich würde sagen, wir machen Kultur!

Matthias: Kunst und Kultur? Was ist da der Unterschied?

Geraldino: Kunst hat etwas Elitäres. Kultur ist etwas anderes. Das kann sehr bodenständig sein: Musik, bildende Kunst, Theater, Literatur …

Matthias: … auch die Blaskapelle im Hofbräuhaus …

Geraldino: Das ist Volkskultur, klar! Es gibt viele Arten von Kultur. Es gibt Kultur, die ist sehr einsam. Ein Maler hat in seinem Atelier kein Publikum, keine Gäste, die mit ihm kommunizieren. Wir sind Musiker. Wir kommunizieren und interagieren mit dem Publikum und dadurch entsteht eine Wechselwirkung: Du gibst etwas und du bekommst etwas.

Matthias: Für einen Musiker ist es für mich nicht typisch, dass sie mit dem Publikum kommunizieren. Es sei denn, man stellt sich auf den Standpunkt, ein Musiker kann nicht nicht kommunizieren. Aber es gibt doch viele, da hast du das Gefühl, die sind gar nicht da. Das nervt mich, wenn ich in ein Konzert gehe und habe hinterher das Gefühl, ich hätte mir das genauso gut im Fernsehen anschauen können oder eine CD hören.

Geraldino: Aber ist das nicht Geschmackssache? Wenn Jan Garbarek in sein Saxophon bläst, will man doch nicht mit ihm reden, sondern einfach seinen wunderschönen Klängen zuhören. Man möchte die Augen schließen und sich wegträumen … Und wenn ein Geraldino vor einem steht, will man nicht unbedingt in erster Linie sein Gitarrenspiel hören. Da will man lachen, mit dem will man kommunizieren, da will man provoziert werden (lacht) und da muss etwas passieren. Das ist eine andere Art von Kultur.

„Mir gefallen Liedermacher, die hundert Prozent Power geben“

Astrid: Egal was Künstler tun, sie erzielen auf jeden Fall eine Wirkung. Auch ein Künstler, der eine Skulptur hämmert und meißelt und dabei in seinem Atelier einsam ist, wirkt ja durch sein Werk. Die Skulptur steht nachher irgendwo und begegnet ganz vielen Leuten und hat eine Wirkung. Wir erzielen alle in irgendeiner Form eine Wirkung, ob im direkten Kontakt zu denjenigen, auf die es wirkt, oder nicht.

Matthias Meyer-Göllner beim "Tag des Kinderliedes" 2016

Matthias Meyer-Göllner beim „Tag des Kinderliedes“ 2016

Matthias: Das hieße eben: Du kannst als Mensch nicht nicht kommunizieren. Selbst über den Eremiten in seiner Höhle redet man und es entsteht Kommunikation.

Geraldino: Was mir gefällt: Wenn Musiker mit voller Power spielen und so auf mich zukommen. Da ist es gar nicht so wichtig, ob sie mit mir kommunizieren, indem sie mit mir reden oder tolle Zwischenansagen zwischen den Liedern machen. Wenn die mit Präsenz auf der Bühne stehen und mir eine Gänsehaut über den Körper jagen, dann finde ich das faszinierend. Wenn jemand ein fesselndes oder ehrliches Buch schreibt, das mich berührt, dann spricht mich das an. Aber wenn ich das Gefühl habe, da schreibt einer, weil er einem Trend folgt, damit er etwas verkauft, dann interessiert mich das eigentlich nicht.

Astrid: Es gibt so viele Kinderliedermacher und so viele Kinderlieder und immer noch werden neue geschrieben. Da könnte man auch fragen: Wozu? Es gibt doch schon genug.

Geraldino: Das ist wieder Geschmackssache. Mir gefallen Liedermacher, die hundert Prozent Power geben, die für mich Originalität haben.

„Die Hip-Hopper hauen sich doch untereinander immer gegenseitig auf den Kopf“

Matthias: Gibt es Leute aus dem Kinderliederbereich, auf die das zutrifft?

Geraldino: Ratz Fatz finde ich sehr originell. Die haben eine eigene Form gefunden, sich zu präsentieren, verbinden Theater mit Musik und haben eine eigene Humorebene. Das gefällt mir total gut. Mir würden bestimmt noch viel mehr einfallen, wenn ich nachdenke …

Matthias: Gut, wenn man das benennen kann. Und gut, wenn es solche Leute gibt. Wir sprachen ja schon über das Phänomen „Deine Freunde“. Ist es gut für die Szene, dass es die gibt?

Astrid: Es ist auf jeden Fall etwas, das es gibt. Ob gut oder nicht, würde ich den Hörern überlassen. Sie scheinen offensichtlich immer wieder in Gesprächen vorzukommen. Überall, wo ich hinkomme, gibt es immer wieder das Thema.

Matthias: Das hat natürlich mit ihrer Geschichte zu tun, die sie erzählen. Dass sie sich „wohltuend abheben“ von der großen Masse der Kindermusik. Wie immer man das auch sieht: Das ist für viele ein Thema. Ich fühle mich dann zurückgesetzt und das soll ja auch so sein. Sie könnten ihre Geschichte nicht erzählen, wenn es keine anderen Kinderlieder gäbe. Ich weiß nicht, ob sie das überhaupt nötig hätten, aber sie tun es.

Versteht sich als Künstler: Der Kinderliedermacher Geraldino

Versteht sich als Künstler: Der Kinderliedermacher Geraldino

Geraldino: Naja, die machen ja so eine Art Hip-Hop. Und die Hip-Hopper hauen sich doch untereinander immer gegenseitig auf den Kopf. Wir sind cooler, wir sind die besseren … Würde ich nicht so ernst nehmen. Was man sagen muss: Die Sachen sind gut produziert, sehr nahe an der Hitparade. Ist hübsch gemacht, sehr kommerziell, witzige Texte, eher für ältere Kinder, nicht unbedingt für Vierjährige.

„Jeder von uns kann behaupten, dass wir anders sind als die anderen“

Matthias: Dieses „gut produziert“ kann ich inzwischen nicht mehr hören. Ich mag manchmal auch CDs, wo man noch ein Verstärkerrauschen hört oder wie der Drummer die Sticks weglegt. Da ist dieses „gut produziert“ völlig irrelevant. Das soll doch bloß implizieren: Alles andere ist schlecht und wir sind auf jeden Fall besser als der allergrößte Teil der Kindermusik. Deswegen ist es natürlich immer wieder Thema, weil sie damit auf uns rumhacken.

Astrid: Ich habe wenig von ihnen mitbekommen. Ich fühle mich überhaupt nicht von diesen jungen Menschen zurückgesetzt. Dafür kenne ich sie einfach zu wenig. Ich weiß nur, dass sehr viele von den Kindermusikern, die ich kenne, extrem gut produzierte CDs auf den Markt bringen. Bei kindermusik.de zum Beispiel. Ich glaube, dass jeder von uns allen behaupten kann, dass wir anders sind als die andern. Wir haben alle eine einzigartige Darstellungsform in den Liedern, in unserer Präsenz und auch in unseren Produkten. Und jeder ist frei, am Markt zu behaupten, was er oder sie will. Ob es stimmt oder nicht.

Geraldino: Mich interessieren diese Mechanismen nicht so richtig. Da steckt eine große Agentur, da steckt die Musikindustrie dahinter. Und die haben einfach mehr Möglichkeiten, die Leute in die Öffentlichkeit zu bringen. Wir kleinen Musiker haben da ja nur ganz geringe Möglichkeiten, in den Medien aufzutauchen oder Rezensionen zu bekommen.

„Einen Act der Musikindustrie, der das Kinderlied als ‚Marktgut’ entdeckt“

Matthias: Im Prinzip finde ich es ja gut, dass es so etwas gibt: Einen Act der Musikindustrie, der diesen Rummel erzeugt und so das Kinderlied in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt und es als „Marktgut“ entdeckt. Dazu gehört natürlich die Geschichte, das Runtermachen und vielleicht sogar, dass ich mich darüber aufrege. Aber wie können wir solche Impulse umsetzen? Wir versuchen ja hier, das Kinderlied in seiner Wertschätzung und seiner gesellschaftlichen Stellung voranzubringen.

Die Antwort auf diese Frage und den zweiten Teil des Gespräches könnt ihr hier am Sonntag nachlesen!

Links:

www.irmimitderpauke.de (Matthias Meyer-Göllner)

www.kindersause.de (Lieselotte Quetschkommode)

www.geraldino.net

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3 Antworten

  1. Frank Korf Frank Korf sagt:

    Ich denke der Weg zu den Kinderohren muss über die Eltern führen. Das Problem ist nur: Dass Kindermusik im Allgemeinen schlecht sei ist quasi so eine Art Volksweisheit. Wenn man das behauptet erwähnt man am besten Schnappi – das Lied hat scheinbar eine ganze Elterngeneration traumatisiert, da wird jeder sofort zustimmen. Die allermeisten Eltern dürften kaum mehr als eine Hand voll Namen von Kinderliedermusikern kennen – und die Wahrscheinlichkeit dass unter den paar Namen Vertreter sind deren Musik für moderne Elternohren eher schwer verdaulich ist ist leider recht groß.
    Dass es hierzulande ein sehr breites Spektrum an Kindermusik gibt, dass ordentliche produzierte Alben der Normalfall und nicht die Ausnahme sind, dass es vieles gibt was man sich auch als Erwachsener gut anhören kann – das wissen leider viel zu wenige.

    Die Eltern die gar nicht motiviert sind zu suchen sind natürlich am schwierigsten zu erreichen. Aber selbst die Eltern die suchen werden in die ein oder andere Sackgasse geraten. Kindermusik-Charts bei Amazon? Das muß Depressionen auslösen. Bei Spotify & Co den „Ähnliche Künstler“-Pfaden folgen (das habe ich anfangs probiert)? Führt nicht weit, da gibt’s nur wenige kleine Blasen.
    Vielleicht finden sie kindermusik.de – schon die bloße Auflistung von Künstlern dort hat mir anfangs sehr weiter geholfen, damit konnte man anfangen zu stöbern. Natürlich hoffe ich dass auch der ein oder andere über mein Kinderlieder-Radio stolpert und auf diesem Wege tolle Musik für die Sprößline entdeckt. Aber all das reicht leider bei weitem nicht um wirklich eine große Masse zu erreichen.

  1. 16. November 2016

    […] 23. und 25. September 2016 erschien im Kinderlieder-Magazin ein Gespräch, das Lieselotte […]

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