Ein weiter Raum für Kinderlieder – Die KinderLiederLandschaft Niederrhein/Duisburg 2016

Am Niederrhein liegt eine Hochburg der deutschsprachigen Kinderliederfestivals. Neben dem hier bereits vorgestellten „KiLiFee“ in Mönchengladbach bietet die „KinderLiederLandschaft Niederrhein/Duisburg“ seit vielen Jahren Konzerte für Kinder in Schulen, Kindergärten, Bibliotheken und Theatern. Vom 8.-13. März waren 2016 Robert Metcalf, Birte Reuver, Beate Lambert und Matthias Meyer-Göllner zu Gast, die gemeinsam mit Festivalorganisator Helmut Meier auch als Kinderlieder-à-Capella-Band „Die Maulwürfe“ auftraten.

Was macht den Reiz aus, so ein Festival jedes Jahr wieder zu organisieren? Zu diesen und anderen Fragen gibt der Duisburger und seit 2009 Wahl-Schleswig-Holsteiner Helmut Meier Auskunft.

„Die Maulwürfe“: Robert Metcalf, Beate Lambert, Matthias Meyer-Göllner, Birte Reuver und Helmut Meier (v.l.n.r.)

„Die Maulwürfe“: Robert Metcalf, Beate Lambert, Matthias Meyer-Göllner, Birte Reuver und Helmut Meier (v.l.n.r.)

Als ich 2005 nach Hamburg gezogen bin, wollte ich etwas in meiner Heimat lassen, vielleicht als Zeichen der Verbundenheit, vielleicht auch als persönlichen „Anker“; so nach dem Motto: O.k., ich geh hier weg, aber ich hau nicht ab. Einmal im Jahr wollte ich ein Festival veranstalten, wie es, in ähnlicher Form, auch einige KollegInnen des Netzwerks „Kindermusik.de“ schon veranstaltet hatten und/oder immer noch regelmäßig veranstalten: mit Musik für Kinder, für ihre Eltern, Geschwister und Freunde, für ErzieherInnen und LehrerInnen und alle, die Interesse und Spaß daran haben, sich mit neuen Kinderliedern zu beschäftigen.

Das ist bis heute der Grundgedanke der KinderLiederLandschaft, die dann, nach fast zweijähriger Vorbereitungszeit, 2007 zum ersten Mal stattfand: mit Konzerten zu zeigen, was es an deutschsprachiger Kindermusik gibt; und darüber hinaus einen Teil dieser Kindermusik durch Workshops nutzbar zu machen für LehrerInnen und ErzieherInnen. Dabei gefällt es mir, abseits meiner sonstigen Arbeit etwas für andere tun zu können – ich kann das Festival von meinem beruflich-musikalischen Dasein trennen und muss dabei kein Geld verdienen.

Besondere Atmosphäre: vertrauensvoll, familiär, wertschätzend

Trotzdem lebt die KinderLiederLandschaft davon, dass ich – durch meinen Beruf – die MusikerInnen (jährlich drei oder zwei MusikerInnen und eine Band) in aller Regel auf der Bühne erlebt habe, bevor ich sie einlade, und dass ich die örtlichen Veranstalter (das sind bis zu zwanzig pro Festival) kenne und diese mich. Damit steht schon eine wichtige Voraussetzung für ein erfolgreiches Festival, an dem so viele Leute aktiv beteiligt sind: gegenseitiges Vertrauen. Wenn es etwas Besonderes an diesem Festival gibt, dann ist es genau diese Atmosphäre – vertrauensvoll, familiär, wertschätzend –  die man hin und wieder erleben kann.

Festival-Organisator und Lokalmatador Helmut Meier

Festival-Organisator Helmut Meier

Wenn in Kamp-Lintfort der Kulturdezernent zum Konzert erscheint und auf der Pressekonferenz die Festival-Idee erläutert und den Wert der Veranstaltung herausstreicht und mich hinterher fragt, ob es irgendein Problem gibt, bei dem er helfen kann; wenn die engagierten KollegInnen des Duisburger Kom’ma-Theaters mit Rat und Tat zur Seite stehen, sei es wegen fehlender Proberäume während des Festivals oder bei der Beschaffung weiterer benötigter Geldmittel; wenn die LehrerInnen in der Gocher Grundschule die dort auftretenden KünstlerInnen so herzlich begrüßen, als seien sie die lang erwarteten neuen KollegInnen; wenn ich von einer Duisburger Grundschul-Lehrerin das Angebot bekomme, dass sie die Organisation eines Workshops mit einem/r der MusikerInnen übernimmt; wenn ich von LehrerInnen Ordner zugeschickt bekomme mit Bildern von Kindern, die ihre Eindrücke vom Schulkonzert gemalt oder aufgeschrieben haben; wenn sich die Leiterin des Kulturbüros in Rheinberg persönlich um ihre Festivalveranstaltung kümmert und über den direkten Draht auch Rückmeldung zum Konzert gibt; kurz: wenn zu spüren ist, dass sich alle, die mit dem Festival zu tun haben, auch mit verantwortlich fühlen und vielleicht ein bisschen mehr dazu beitragen, als sie müssten.

„Es ist einfach super, wenn man spürt, dass alle mitziehen“

Ebenso gibt es Kinder, die ihr zweites, drittes, vielleicht sogar viertes Festivalkonzert erleben und denen man anmerkt, wie sicher sie sich (inzwischen?) als Konzertbesucher und Mitmacher fühlen und wie frei sie (mit-)agieren; oder Eltern, die auf die ein oder andere Weise ihre Wertschätzung für das Festival zeigen – z.B., indem sie bei ihrem zweiten oder dritten Festivalbesuch ihre Freunde und deren Kinder mitbringen und sie gleich dem örtlichen Veranstalter vorstellen und vielleicht auch noch ein paar Worte mit mir wechseln, sich nach den anderen Festivalveranstaltungen erkundigen oder nach den KünstlerInnen, die sie dieses Jahr leider nicht sehen und hören konnten.

Dasselbe gilt übrigens auch für die 21 MusikerInnen und die 4 Bands, die bei den bisherigen 137 Veranstaltungen (bei zehn KinderLiederLandschaften) vorgestellt wurden. Meist war die finanzielle Lage bis zum Beginn des Festivals unklar, und erst am Ende – manchmal, wenn Landesförderungen im Spiel waren, sogar erst Monate danach – war klar, ob es einen Zuschlag zur Garantiegage geben und wie hoch der sein würde; trotzdem haben sich alle darauf eingelassen, manche von vornherein mit der Aussage, dass sie auf jeden Fall mitmachen würden, allein schon, um die Festivalidee zu unterstützen. Es ist einfach super, wenn man spürt, dass alle mitziehen, und es bringt einem die KollegInnen näher.

„Die Kinder gestalten mit, bewusst oder unbewusst“

Ein besonders schöner Moment ist das gemeinsame Abschlusskonzert für mich, da ich ansonsten, bis auf wenige Ausnahmefälle, bei meinem „eigenen“ Festival nicht auftrete. Jedes Jahr formiert sich eine andere Band, um ein paar Stücke gemeinsam zu spielen und jedes Jahr erstaunt es mich wieder, was so eine „Spontan-Combo“ in kürzester Zeit auf die Bühne stellt. Da habe ich erlebt, dass ein quietschvergnügtes Publikum vor Lachen nicht mehr mitsingen konnte – und das betraf Kinder ebenso, wie Erwachsene; genauso habe ich gesehen, wie bei Unmadas „Apuse“ einige Tränen flossen, als alle im Saal zum Abschied mit ihren Taschentüchern winkten.

Das Programm der KinderLiederLandschaft Niederrhein/Duisburg 2016

Das Programm der KinderLiederLandschaft Niederrhein/Duisburg 2016

Dieses Jahr haben „Die Maulwürfe“ das Abschlusskonzert bestritten, weil die drei Solokünstler des diesjährigen Festivals auch Mitglieder der „Maulwürfe“ sind. Also: kein Spontan-Programm, sondern ein in weiten Teilen festgelegter Ablauf:

Die Show beginnt im Halbdunkel, ich taste mich blind „grabend“ hinter meiner Sonnenbrille auf die Bühne (ich bin ein Maulwurf), ehe ich in der Hocke einfriere und auf das weitere Geschehen warte. Im Moment des Einfrierens, bei atemloser Stille im Saal und mitten in die Spannung hinein, höre ich eine supercoole Mädchenstimme aus der ersten Reihe, ziemlich lässig, ein bisschen von oben herab und leicht gelangweilt: „Das ist unser Opa“. Prusten und Kichern im Saal, Spannung perdu. Aber lustig war’s schon, und das macht ja einen Teil des Reizes von Kinderkonzerten aus: Die Kinder gestalten mit, bewusst oder unbewusst, und das fordert den Künstler auf eine ganz andere Art, als ein „Erwachsenenkonzert“.

„Nicht immer läuft alles glatt“

Natürlich ist ein solches Festival auch eine Herausforderung, und nicht immer läuft alles glatt. Jede/r FestivalmacherIn wird es schon erlebt haben, dass ein/e KünstlerIn erkrankt, der Flyer aber schon gedruckt ist; oder dass Geld fehlt, weil ein Sponsor abspringt. Wenn man lange um diesen Sponsor gekämpft hat und machtlos danebensteht, kann das ziemlich niederschmetternd sein. Dann kann es passieren, dass man sehr intensiv darüber nachdenkt, wie viel Zeit die Vorbereitung des Festivals jedes Jahr kostet, welches finanzielle Risiko man selbst eingeht, auf wie viele eigene Auftritte man wegen des Festivals möglicherweise verzichtet und ob man diesen ganzen Wahnsinn wirklich auch nächstes Jahr wieder machen will.

Birte Reuver bei der KinderLiederLandschaft Niederrhein/Duisburg

Birte Reuver bei der KinderLiederLandschaft Niederrhein/Duisburg

Und dann kommt vielleicht eine Anregung von einem/r KulturfunktionärIn, dass man doch mal versuchen könne, die beiden Kindermusikfestivals des Niederrheins zusammenzufassen, um eine Dauerförderung beantragen zu können, denn dann würde es sich ja um „ein den Niederrhein prägendes Flächenprojekt“ handeln. Lässt man sich darauf ein, heißt das zunächst: mit dem Kollegen Anders Orth (Organisator des „KiLiFee“, Mönchengladbach) sprechen, ein gemeinsames Konzept entwickeln, an Sitzungen teilnehmen, den EntscheiderInnen das Festival erklären, sich über Strukturen und Inhalte auseinandersetzen, Lösungen entwickeln und verwerfen und am Ende – hoffentlich – ein großes, jährliches, über den gesamten Niederrhein verteiltes, gefördertes Festival zu veranstalten.

„Aus zwei Festivals eines machen, das größer sein kann als beide zusammen“

Alleine hätte ich abgelehnt und gesagt, dass so etwas wachsen muss, und dass Wachstum auch Grenzen hat. Aber hier können wir aus zwei Festivals eines machen, das größer sein kann als beide zusammen, weil es seine Wirkung auf die wenigen verbleibenden Gemeinden, die wir bisher nicht integriert haben, ausdehnen könnte. Wenn wir dadurch auch noch eine gewisse finanzielle Sicherheit und eine personell stärkere Struktur erreichen: gerne. Es wäre einer meiner größten Wünsche für die dann entstehende KinderMusikLandschaft: das Risiko und die Arbeit auf mehr Schultern zu verteilen.

Mein zweiter Wunsch wäre: eine breitere und tiefere Wirkung zu erzielen (mehr Facetten der Kindermusik aufzeigen, Angebote mit intensiveren Teilnahmemöglichkeiten für die Kinder). Ein dritter Wunsch wäre, rechtzeitig NachfolgerInnen zu finden, die irgendwann als künstlerische LeiterInnen das Festival fortführen. Wenn alles gut geht, wird es 2017 zwei kleinere, nicht öffentlich geförderte Festivals, und 2018 ein erstes großes, wenn auch zweigeteiltes, neues, gefördertes Festival geben, das Anders Orth und ich künstlerisch und organisatorisch leiten. Wir werden sehen, ob es gelingt. Glück auf!

Link:

www.helmut-meier.de

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